„Wo seid ihr und was hindert euch?“

Am 8. Mai fand die 2. öffentliche, vom KVR genehmigte, musikalische Versammlung auf dem Münchner Odeonsplatz statt.

Ziel dieser Aktionen, die wir vor Kurzem noch als Konzert eingeordnet hätten, war ursprünglich einerseits zu zeigen, dass auch im Moment unter Einhaltung der Vorschriften zum Schutz der Bevölkerung eine solche Aktion möglich ist.

Andererseits wollte ich darauf hinweisen, dass Musik keineswegs verzichtbar ist, wie Spahn es vor einiger Zeit ausdrückte, sondern im Gegenteil gerade jetzt ein nicht wegzudenkendes Medium ist, Menschen zu trösten und zu erfreuen, ihnen Hoffnung zu schenken und einen Augenblick Normalität und Lebensfreude zu ermöglichen, verschiedene Haltungen zu vereinen und die Leute im Herzen zu berühren, um so Angst zu lindern.

Dass Musik heilsam ist und sie daher längst zu therapeutischen Zwecken eingesetzt wird, steht doch außer Frage.

Nachdem ich selbst als Sängerin, Musikerin und Heilpraktikerin/Psychotherapie in diesen Wochen auf Onlinemöglichkeiten wie Zoom, Skype, Livestreamings zurückgreifen musste, Balkonkonzerte und ebensolche Parties veranstaltete, um mich und meine Familie finanziell über Wasser und möglichst bei Laune zu halten, wurde meine Verzweiflung dennoch so groß, dass ich zu hinterfragen und recherchieren begann. 

Ganz egal also, wie man zur derzeitigen Situation steht und welche Meinung man dazu vertritt, müsste doch zweifelsohne die Sorge um das momentane Kunstgeschehen Künstlern am Herzen liegen, ebenso, wie die eigene Existenz als Künstler.

Heute kann niemand mehr behaupten, nicht von allen Seiten und sämtlichen Haltungen gehört zu haben. Zahlen, Daten, Hintergründe, Fakten sind selbstständig zu entschlüsseln ohne einer rechten oder linken oder sonstigen Fraktion folgen zu müssen. Wir können entscheiden, was in uns einen Widerhall erfährt und was nicht, und uns selbst ein Bild machen. Ganz egal also, wie man zur derzeitigen Situation steht und welche Meinung man dazu vertritt, müsste doch zweifelsohne die Sorge um das momentane Kunstgeschehen Künstlern am Herzen liegen, ebenso, wie die eigene Existenz als Künstler. Inzwischen bin ich erschüttert, wie Wenige dies tatsächlich so empfinden, wenn ich mich innerhalb von facebook bewege oder direkt austausche. Am Größten allerdings ist meine Enttäuschung, die nun in Entrüstung umschlägt, denen gegenüber, die sich Musiker, Schauspieler, Künstler nennen und die ihre Sparte betreffenden Verordnungen höchstens kommentieren, über sich ergehen lassen, oder untätig auf bessere Zeiten warten und gleichzeitig die Misere bejammern.

…weil wir Ideale in uns tragen, die wir in Kunst umsetzen möchten und die uns zu Künstlern machen, die mit ihrem jeweiligen Medium etwas aufzeigen möchten, Werte erschaffen, gesellschaftlich spiegeln, berühren wollen.

Bislang war ich davon ausgegangen, dass, wer wie wir eine Passion zu seinem Beruf macht, ein Mensch sein muss, der seinem Herzen folgt und sich nicht einem vielleicht bequemeren Mainstreamweg überlässt. Damit implizierte ich, dass wir Künstler alle genauer hinschauen wollen, weil wir Ideale in uns tragen, die wir in Kunst umsetzen möchten und die uns zu Künstlern machen, die mit ihrem jeweiligen Medium etwas aufzeigen möchten, Werte erschaffen, gesellschaftlich spiegeln, berühren wollen.

Nun habe ich vor nicht einmal drei Wochen meinen Facebookaccount aktiviert, um mich zu vernetzen und andere Meinungen zu erfahren. Meine Posts erreichen inzwischen an die 600 Menschen – meist Musiker – und darüber hinaus persönliche Kontakte und die Kontakte meiner Kontakte. Alle forderte ich auf, sich an einem öffentlichen, genehmigten Statement für die Kunst in Form der Odeonsplatzversammlungen zu beteiligen. Doch musizierten wir gestern mit etwa 30 Personen, obgleich 50 erlaubt gewesen wären. Bis eine Stunde vor Versammlungsbeginn erhielt ich noch sechs Absagen aus den verschiedensten Gründen. Einige, die davon sprachen, vielleicht „vorbeizuschauen“ um mitzumachen, erschienen gar nicht. 

Gleichzeitig lese ich täglich Beiträge über die Not der Soloselbstständigen, zu denen auch ich gehöre, und der Musik- und Theaterszene überhaupt. Die Freunde des Residenztheaters haben Masken genäht und damit rund 20000 Euro Spenden für die freien Schauspieler eingenommen. Das ist rührend, doch: sollen wir uns nun vom Maskennähen ernähren, tauschen wir unsere Kunst gegen ein Solches ein und bleiben fortan lieber gemütlich zu Hause? Und hier drängt es mich zum „ihr“ zu wechseln, denn: WO SEID IHR, Musiker und Schauspieler, jetzt, wo wir uns zusammentun sollten, am besten laut schreiend und wild musizierend zunächst die Straßen einnehmend, dann wieder die Konzertsääle und Spielstätten, weil der Preis, den wir für die Eindämmung eines Virus zahlen, der ist, dass es Kultur so lange nicht mehr geben darf, bis wir alle geimpft sind?

Woher soll denn das ganze Geld kommen, das uns durch diese Krise retten soll, und: ist Geld wirklich alles? Stünde das in unseren Leben an erster Stelle, hätten wir einen anderen Beruf wählen müssen!

Ich verstehe nicht, weshalb wir nicht alle, Festangestellte, Freie, Musiker, Schauspieler, Performer und sonstige Künstler nun an einem Strang ziehen…

Ich habe erfahren: Angestellte der öffentlichen Musik- und Theateranstalten dürfen momentan nicht arbeiten, weil sie freigestellt sind. Tun sie es doch, laufen sie Gefahr ihre Stellung zu verlieren. Ich verstehe diese Angst, doch ich verstehe nicht das Weiterhinschweigen. Ich verstehe nicht, weshalb wir nicht alle, Festangestellte, Freie, Musiker, Schauspieler, Performer und sonstige Künstler nun an einem Strang ziehen, um für den Ausdruck unser Kunst zu kämpfen, für den wir ein Publikum  brauchen, dass sich eigenverantwortlich und freiwillig, mit oder ohne Maske bzw. Impfung zeigt, mit dem wir auf verschiedensten Wegen interagieren, das uns applaudiert und Eintrittsgeld zahlt.

…das erste öffentliche Konzert, wie ich es eigentlich ja nicht nennen darf, in München und deutschlandweit in dieser Form und Größe seit dem Lockdown.

Dem Bayerischen Staatsschauspiel habe ich die Idee unterbreitet, vor dem Stammhaus unter den Säulen eine gemeinschaftliche Produktion zu gestalten und zusätzlich angefragt, ob Schauspieler mit uns auf dem Odeonsplatz performen möchten. Ich habe Christian Stückl geschrieben und Konstantin Wecker gemailt und ein derzeit wichtiges Münchner Streamingportal gebeten, unsere Aktion zu bewerben bzw. live zu streamen. Ich habe den BR und alle erdenkliche Presse zur Berichterstattung eingeladen und kaum eine Rückmeldung erhalten. Dabei ist dies das erste öffentliche Konzert, wie ich es eigentlich ja nicht nennen darf, in München und deutschlandweit in dieser Form und Größe seit dem Lockdown. Mit Genehmigung und positiver Zusammenarbeit mit Ordnungsamt und Polizei! Es gab Publikum, das ergriffen und tief berührt war und sich an die Abstandsregeln gehalten hat, Einzelne baten, nächstes Mal einen „Hut“ herumgehen zu lassen, weil sie, wie auch sonst, Eintrittsgeld zahlen möchten. Ich möchte aber keinen Hut rumgehen lassen, weil das nach Bittstellung aussieht, das finde ich unwürdig – und tat es nun doch, in Form eines Paypal-Kontos, auf das man einzahlen kann: odeonsplatzmusik@gmx.de. 

Wir selbst, die wir auf dem Odeonsplatz musiziert und gesungen haben, erfuhren hierbei ein Glück miteinander, das uns so lange gefehlt hat. Manche sprachen von Depressionen, denen sie durch diese Aktion nun gerade noch entkommen sind, weil die jetzigen Regelungen einem Berufsverbot gleichkommen. Da gibt es, wenn wir ehrlich sind, keine andere, beschwichtigende Bezeichnung mehr, oder?  

Ich schreibe als emotionale, ratlose, aufgewühlte Musikerin und als Mensch mit viel Energie und wenig Angst.

Ich schreibe als emotionale, ratlose, aufgewühlte Musikerin und als Mensch mit viel Energie und wenig Angst. Ich kenne weder sämtliche Richtlinien, denen die Theater und Institutionen sich gerade unterwerfen müssen, noch gehe ich davon aus, dass alle dieselbe Dringlichkeit in sich spüren, solche Aktionen zu starten. Ich bin jedoch längst nicht mehr die Einzige, die fassungslos darauf wartet, dass Tausende von Musikern und Schauspielern sich an dieser so friedlichen Aktion beteiligen möchten. Wo seid ihr und was hindert euch? 

Es gibt keinen Ersatz für Livekonzerte und Livevorstellungen.

Jetzt und heute können ein Einzelner oder ein paar Wenige nichts mehr ausrichten, ohne sich mit Bußgeldern, Häme, Anklage konfrontiert zu sehen. Doch vielleicht konfrontieren wir uns nun endlich mit dem Gedanken, ob ein Leben ohne Musik und Theater wirklich auf lange Sicht das Leben ist, das wir uns so hart erarbeitet haben mit stundenlangem Üben, Vorspielen, Vorsprechen… Sind wirklich Impfpflicht, Immunitätspass und weitere – noch – angedachte Kontroll- und Beschränkungsmaßnahmen die einzigen Möglichkeiten, damit ein Konzert- oder Theaterleben weiterhin in sinnvoller Form stattfinden kann und darf? Oder müssen wir nun bei jedem Virus damit rechnen, dass Vorstellungen und Projekte, in die wir unser Herzblut gaben und von denen wir lebten, von heute auf morgen abgesetzt werden? 

Es gibt keinen Ersatz für Livekonzerte und Livevorstellungen. Und wenn wir nicht sehr bald sehr viele sind die genau hinschauen und eigenverantwortlich in Handlung kommen, wird es sehr lange keine mehr geben.

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Die Redaktion ist um das Abbilden eines breiten Meinungsspektrums bemüht. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln!

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Mit nun beinahe 50 und als Mutter zweier bald volljähriger Kinder, war mir als Musikerin - Sängerin, Pianistin, Akkordeon, Percussion - Ende März 2020 klar, dass musizieren in gewohnter Art und Weise lange nicht mehr stattfinden würde können. So freue ich mich über die Möglichkeit hier zeitweise mitzuwirken.

Als Musikpädagogin und Darstellerin leite ich Musikkurse für Kinder, sowie Workshops und Seminare rund um das Thema Stimme und Darstellung, ua. an der LMU MÜnchen.

Seit 2015 leite ich als Heilpraktikerin Psychotherapie und Traumatherapeutin eine eigene Praxis "Cantharsis", in der ich hauptsächlich musik- bzw. singtherapeutisch arbeite.

Neben diesen beiden Standbeinen verfasse ich als freie Journalistin Texte, Rezensionen, Interviews für diverse Zeitschriften der Kulturbranche und moderiere vereinzelt eigene  Radiobeiträge.

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