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Wilde Ilse sagt nix zu „Zu- Verschenken-Kiste“

Moin Leute, ich grüße Euch wieder. Ich weiß ja nicht, ob es Euch schon aufgefallen ist: Dinge, die ich früher für gut und schön gehalten habe, gelten plötzlich als absolut ungut und hässlich. Nein, meinen Ex-Mann Ludger meine ich damit nicht. Obwohl…

In meinem Garten stehen zwei wunderbare Apfelbäume, die in diesem Jahr prächtig Früchte tragen. Eine Fülle, es ist so schön, ihr könnt es Euch kaum vorstellen. Ich habe kiloweise Äpfel abgeerntet und momentan trifft man mich hauptsächlich in der Küche an, zum Einmachen der ganzen Pracht. So weit, so schön. Bis ich den, wie ich fand, glänzenden Einfall hatte: „Du hast so viel. Gib anderen etwas ab“.

Ruckzuck habe ich einen großen Karton genommen, neun Kilo Äpfel eingefüllt und „Zu verschenken. Nimm Dir, soviel du magst!“ mit großer Schrift auf den Deckel geschrieben. Dann habe ich die Kiste genommen und an den Eingang vom Waldrand gestellt, weil dort täglich viele Menschen vorbeikommen, um spazieren zu gehen. Mit einem Pfadfinder-Glücksgefühl im Herzen, eine gute Tat vollbracht zu haben, mache ich mich danach weiter ans Einmachen.

Ein Fehler. Ein ganz, ganz großer Fehler. Denn ich habe die Rechnung ohne Mobbing-Meike gemacht. Eine halbe Stunde, nachdem die „Zu- Verschenken“-Kiste platziert war, klingelt es an der Haustür. Mobbing-Meike steht mit einem Haufen Altpapier wedelnd direkt vor mir, drängt sich in gewohnter Manier an mir vorbei ins Wohnzimmer. Dort breitet sie beflissen ihr Altpapier auf meinem Esstisch aus und motzt gleich los:

„Ich habe hier etwas für Dich. Informationen, die Du ganz offensichtlich nicht hast, weil Du ja nur noch Querdenker-Verschwörungs-Medien konsumierst“. Ich muss noch verarbeiten, dass sie es schon wieder an mir vorbei in meine Wohnung geschafft hat, doch ich sehe mir das umkreisverteilte Altpapier an und lese folgende Schlagzeilen:

„Die dunkle Seite unserer Freigiebigkeit“, „Sachen mit einem Schild „Zu verschenken“ auf die Straße stellen. Man muss ganz klar sagen: Das ist rechtswidrig“, „Zu- verschenken-Schilder auf der Straße sind verboten“, „Bußgeld bis zu 5000 Euro: Warum eine Zu- Verschenken-Kiste richtig teuer werden kann“, „Bußgeld durch Zu- Verschenken-Kiste droht“ und „Wenn Sie eine Zu- Verschenken-Kiste an der Straße sehen, melden Sie das dem Ordnungsamt“.

Und so weiter und so weiter. Die Crème de la Crème der Mainstream-Medien wie Süddeutsche, T-Online, Welt, N-TV, Merkur, bis hin zum Provinzblatt in Nordbayern skandiert einheitlich, dass man es am besten gleich sein lassen soll mit der in Karton gelegten Freigiebigkeit. Das sei in den meisten Fällen keine Freigiebigkeit, sondern unsachgemäße Müllentsorgung. Alles klar.

„Ich habe dich gesehen, wie Du die Kiste heimlich zum Waldrand getragen hast“, kräht Mobbing-Meike mir schrill ins Ohr. Instinktiv mache ich drei Schritte zurück. „Meinst Du im Ernst, dass jemand in diesen von deiner Russenkatze vollgepinkelten Karton greifen und sich dort etwas rausnehmen will?“, wettert sie weiter. In dem Moment kommt meine russisch-grau-Katze, ihr erinnert Euch, um die Ecke, schnurrt, scharwenzelt mir ums Bein und lässt sich anschließend genüsslich in meinem Schaukelstuhl nieder.

In ruhigem Ton sage ich zwischen den Zähnen hindurch: „Meike, ich sage es dir jetzt nur einmal: Raus. Verzieh´ Dich. Mach Dich vom Acker. Verschwinde. Und zwar genauso schnell, wie du reingekommen bist.“, und zeige energisch auf die Tür. Sie sieht mich nur kalt an, rührt sich keinen Millimeter vom Fleck und sagt „Warte. Ich habe dich und deine versiffte Kiste beim Ordnungsamt gemeldet. Mein Neffe arbeitet da, wie du ja weißt. Die sind bestimmt gleich hier. Wollen wir doch mal sehen, wer hier recht hat“. Spricht´s, und tatsächlich klingelt es an der Tür.

Allerdings ist es nicht das Ordnungsamt, sondern mein Neffe Ole. Der wollte sich eine Kiste Äpfel holen und seinen Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr eine Freude machen. Ich mache eine Geste mit dem Kopf und bedeute ihm, den ungebetenen Gast irgendwie aus dem Haus zu schaffen. Er versteht sofort. Aus seiner Uniform-Jacke holt er Stift und Notizblock und stellt sich breitschultrig vor sie hin. Er sieht für einen Physiologie-Professor nicht schlecht aus. Mit autoritär tiefer Stimme fährt er sie an: „Gute Frau. Wie heißen Sie und wo wohnen Sie?“. Brav nennt sie ihm Namen und Adresse und reicht ihm vorauseilend gehorsam ihren Personalausweis.

„Sie wohnen also nicht hier, und wenn ich in das Gesicht von Frau Hansen sehe, sind Sie auch nicht willkommen. Sie verlassen auf der Stelle das Haus“, ordnet er an, packt sie unsanft am Arm und zieht sie Richtung Tür, während er weiter auf sie einredet. „Ich habe hier eine Information, die Sie wohl nicht haben, weil Sie ständig Mainstream-Medien konsumieren. Das ist Hausfriedensbruch, was Sie hier machen. Nachbarn wie Sie verkörpern wirklich die dunkle Seite unserer Toleranz. Wenn Sie das noch einmal machen, kann das sehr teuer für Sie werden. Da werden Sie froh sein, wenn Sie mit 5000 Euro davonkommen“.

Als sie schon aus der Tür ist und schnellstens zu sich nach Hause eilt, ruft er ihr noch nach: „Ihr Altpapier haben Sie hier entsorgt. Das werde ich dem Ordnungsamt melden. Und wenn Sie nochmal wagen, hier uneingeladen aufzutauchen, habe ich sogar das Recht, Sie festzusetzen, bis die Polizei kommt. Merken Sie sich das. Freigiebigkeit ist eine Tugend. Das können Sie sich ebenfalls merken“. 

Er schließt grinsend die Tür, gibt mir beschwingt ein Küsschen auf die Wange und ich ihm die Äpfel. Ich bin so stolz auf meinen Neffen. Euch wünsche ich ein wundervolles Wochenende voller Freigiebigkeit und Fülle. Bis nächsten Samstag, Eure Ilse.


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