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Wilde Ilse sagt nix zu Selbsthilfegruppen für Angehörige von Querdenkern, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern

Moin Leute, ich grüße Euch wieder. Was ich heute erzählen will, fällt mal wieder in die Kategorie „Menschen auf Menschen hetzen“. Wusstet Ihr schon, dass der neueste mediale und regional umgesetzte Schrei der Hetze Selbsthilfegruppen für Angehörige von so genannten Querdenkern, Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern sind? Die schießen jetzt wie Pilze aus dem Boden.

Falls da jetzt jemand meint, das dient der Stärkung von Angehörigen einer kleinen Clique von systemtreuen Intellektuellen, Wirtschaftsmagnaten, Kriegsverbrechern oder anderen Leuten, die heimlich, ohne dass es zunächst sogar Politiker mitbekommen, Verbrechen an der Menschheit aushecken, liegt leider völlig falsch.

Ich fange mal von vorne an. In der letzten Woche treffe ich Wiebke in der Stadt. Ihr wisst schon, das ist die, die mich aus dem Bridge-Club zwar rausgeworfen hat, aber heimlich auf Demos zum Erhalt unserer Grundrechte gegangen ist. Eigentlich wollte ich sie ignorieren, aber Heide ist ein kleines Städtchen, da wäre ich ihr ohnehin wieder über den Weg gelaufen, also grüße ich sie mit einem kurzen Nicken. So schnell konnte ich gar nicht gucken, da packt sie mich am Arm und zerrt mich in einen Hinterhof. „Hier“, sagt sie und hält mir einen Handzettel unter die Nase, auf der die Überschrift prangt: „Neugründung Selbsthilfegruppe für Angehörige von Menschen aus dem Spektrum Coronaleugner / Impfgegner / Querdenker“ in Bochum.

„Ja, und?!“, frage ich genervt. „Das ist in Bochum. Was hat das mit uns zu tun?“

„Mann, das ist doch klar: Der Bridge-Club nimmt das als Vorbild. Die wollen jetzt auch so eine Gruppe gründen. Schließlich liegt Bochum in NRW und da wohnen die meisten Leute in Deutschland. Renate und Lisbeth sind schon ganz heiß darauf, denn weißt du, wie die das in Bochum gemacht haben?“ Ich schüttele den Kopf. „Angefangen hat das mit einem Netzwerk aus 130 Fachärzten in 110 Bochumer Arztpraxen“, erzählt Wiebke weiter und mir schwirrt schon jetzt der Kopf, wenn ich an die Halbgott-in-Weiß-Hörigkeit der Frauen im Heider Bridgeclub denke.

„Ja, und jetzt rate, wer zu deren Kooperationspartnern gehört?“, fragt sie und sieht mich provozierend an. Ich überlege mir etwas für mich erst einmal völlig Überrissenes und rate: „Pfizer“.

Enttäuscht zieht sie einen Flunsch. „Ja. Woher weißt du das? Roche ist übrigens auch Kooperationspartner, und alles was an Wohlfahrtsverbänden Rang und Namen hat, die Caritas ist da nur ein Beispiel.“

„Also ist da die ganze Impf-Lobby beisammen, oder wie, oder was? Und die organisieren dann Gesundheitsmessen und so und geben den Patienten einen Impfpass, pardon, Gesundheitspass, damit man dann auch mitkriegt, wenn sich einer eine zweite Meinung einholt und so und man nennt das dann Schutz vor Doppeluntersuchung. Richtig?“, spekuliere ich wild.

„Nicht so laut!“, ermahnt sie mich streng. „Wenn Dich einer hört. Dann bist Du jemand, vor dem die Gesellschaft geschützt werden muss. Wenn jetzt einer deiner Verwandten in so eine Selbsthilfegruppe latscht und dich verrät, dann kannst du dich auf was gefasst machen!!!“, flüstert sie hysterisch. „Wenn Du das so machst mit deinen politischen Einlassungen wie im Bridge-Club, dann haben die dich bald am Haken und weisen dich womöglich in die Klapse ein oder Schlimmeres. Dann musst du aufpassen, wenn du über den Zebrastreifen gehst, Ilse“, unkt sie weiter.

„Jetzt bleib mal auf dem Teppich, Wiebke. Das ist in Bochum. Und Bochum ist weit weg und in Heide kommt doch keiner zu so einer Selbsthilfegruppensitzung.“, antworte ich.

„Das denkst Du! In allen Medien läuft das jetzt schon rauf und runter und so genannte Betroffene, gerne auch Kinder und Jugendliche, erzählen, dass sie Opfer Ihrer angeblich verschwörungstheoretischen Eltern sind. Du kennst Renate. Die ist doch auf Du und Du mit Ärzten, und gewissermaßen schon fast selbst Ärztin, weil ihr Schwager Chirurg ist“. Ich muss lachen.

„Ernsthaft! Ich weiß, dass die schon gesprochen haben. Und da hat sie dann gleich erzählt von diesem „Querdenker-Paar, das seine Kinder nach Paraguay verschleppt hat. Die Nähe von „Verbrecher“ und „Querdenker“ ist da doch schon in den Köpfen drin. Die Kinder sind Opfer. Die Querdenker und „Verschwörungsgläubige“ sind die Täter. Und in dem Bochumer Neugründungs-Pamphlet, das in Kooperation von der „Paritätischen Selbsthilfekontaktstelle Bochum“ mit dem „Medizinischen Qualitätsnetzwerk Bochum“ entstanden ist, heißt es:

„Angehörige eines Menschen, der zum Beispiel Covid-19-Impfungen verweigert, von Verschwörungen à la Querdenker faselt aber „sich ja nur kritisch und vielfältig informieren würde“, wollen eine Selbsthilfegruppe gründen. Interessierte Menschen können sich an die Selbsthilfe-Kontaktstelle Bochum wenden…Ziel ist es in den Austausch mit anderen Menschen zu kommen, die auch so einen Menschen in ihrem Umfeld haben. Seien es Eltern, Verwandte, Geschwister, Kollegen oder Freunde – bei wohl jedem wird die Geschichte anders sein. Aber wir denken, dass der Austausch über Erlebnisse, Gemeinsamkeiten, Gedanken dazu nur allen Beteiligten helfen kann zum Beispiel Umgangsstrategien oder Hilfsangebote zu entdecken.“ 

(https://www.medqn.de/neugruendung-selbsthilfegruppe-fuer-angehoerige-von-menschen-aus-dem-spektrum-coronaleugner-impfgegner-querdenker/)

Wiebke wird wieder hysterisch. „Die Treffen sollen erst online, dann später im „Haus der Begegnung“ stattfinden. Da lachen ja die Hühner. Klingt tolerant, meint aber das Gegenteil. Die Leute, die sich so menschenverachtende Sachen ausdenken, brauchen doch selber Hilfe.

Was meinst Du denn wohl, was das für „Umgangsstrategien“ sein werden, die man Menschen, die angeblich „faseln“, wenn sie einfach nur eine Meinung haben, angedeihen lassen will? Das Schlimmste ist, dass die Kinder so zum Denunzieren angestiftet, aber als Opfer ihrer Eltern dargestellt werden. Ach, hör doch auf, Ilse! Das kann übel ausgehen. Du musst da vor deiner Familie in Zukunft aufpassen. Anstatt zur Caritas gehen die dann zu Veritas“, warnt sie mich.

Veritas ist eine „Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen“ in Berlin, finde ich später heraus. Die bieten auch Beratungen zum Kindeswohl an. Sollte Wiebke recht haben? Ein mulmiges Gefühl hatte ich schon, nachdem wir uns verabschiedet hatten. 

Mein Neffe Ole ist der Einzige in der Familie, der kritisch hinterfragt, was Autoritäten, egal welcher Art und Unart sagen, erst recht, wenn sie über sein Leben bestimmen wollen.

Mein Bruder hat morgen Geburtstag. Soll ich ihn überhaupt anrufen? Wer weiß, ob der nicht auch die Seite der Bundesregierung zum Thema gelesen hat. Oder die Schlagzeilen über Neugründungen in Bochum, Erlangen, Fürth, Nürnberg, Berlin, Stuttgart, Regensburg, Witten, aber Gott sei Dank nicht in Heide.

Naja, ich werde ihn schon anrufen. Wir finden bestimmt ein Thema, über das wir beide friedlich sprechen können. Ich frage ihn einfach nach seinem schönsten Geburtstag oder nach seinem Lieblingsplatz unter der Linde.

Leute, lasst Euch bloß nicht spalten und sucht nach den Gemeinsamkeiten mit Euren Angehörigen, wenn sie Euch überwiegend gut behandeln. Eine andere Meinung ist kein Verbrechen. Es ist nur eine andere Meinung. Punkt.

Das Wetter ist superschön? Vielleicht macht ihr einen Ausflug zusammen und genießt das Leben.

Denn stell´ Dir vor, es ist Selbsthilfegruppe und keiner geht hin.

Bis nächsten Samstag, Eure Ilse


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