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Wilde Ilse sagt nix zu „Russischem Corona-Zupfkuchen“

Moin Leute, ich grüße Euch wieder und hoffe, Ihr hattet eine entspannte Woche. Ich wollte es ja eigentlich coronagelockert angehen, doch habe ich da leider die Rechnung ohne das Professorenkollegium meines Neffen Ole und ohne meine immer noch psychisch gestörtegrenzdebile Nachbarin Meike gemacht. Ich sag nur „Schwarzes Gold“. Aber ich beginne mal von vorn.

Das Chaos ging schon am Montag los: Ole wollte ausnutzen, dass jetzt die Corona-Maßnahmen gelockert wurden und hat kurzerhand alle seine Kolleginnen und Kollegen vom Lehrstuhl Physiologie zu Kaffee und Kuchen eingeladen, allerdings nicht zu sich nach Hause, weil er da immer noch Stress wegen der Sache mit der Zwangsrasur von seinem Bart hat, sondern zu mir. „Ich habe ein Haus und Lust auf Gesellschaft. Ich mache dann meinen russischen Zupfkuchen“, habe ich erklärt und sofort mit den Vorbereitungen angefangen. 

Der Nachmittag fing dann auch total nett an: Die Gäste kamen, der Zupfkuchen verbreitete seinen verlockenden Duft im ganzen Haus und alle waren sofort gemütlich – bis ich den Kuchen aus dem Ofen genommen und auf den Tisch gestellt habe. Das Gespräch erstarb sofort. Peinliche Stille. Einige sahen verlegen vor sich auf den Tisch und fummelten nervös an ihrer Kaffeetasse herum, andere starrten wie vom Donner gerührt auf das Corpus Delicti in der Tischmitte. 

„Einfach reinhauen, einer fängt an“, habe ich dann aufmunternd gerufen, weil ich dachte, dass bei so feinen gebildeten Leuten die Gastgeberin die Tafel eröffnen muss oder so. Nix. Keiner rührte sich. Bis sich endlich der Dekan erhob und mich aufklärte: „Gute Dame, es tut mir sehr leid, aber das ist doch sicher ein russischer Zupfkuchen, oder?“. „Ja schon. Warum?“, frage ich langsam. Gute Dame? Wo? „Nun,“ gab er in väterlichem Tonfall zurück, „haben Sie denn gar nicht mitbekommen, dass Russland gerade boykottiert wird?“

Ich habe erst Ole angeguckt, dann den Zupfkuchen, dann den Dekan, und bin dann mit einem knappen „Sie entschuldigen mich“ raus in die Küche gegangen, kopfschüttelnd, von dort ausins Wohnzimmer rufend: „Den können Sie beruhigt essen, der ist nach Kiewer Art.“ Stille. „also nach ukrainischer Art“, und höre, wie dann endlich Gespräch und Kuchengabel munter wieder aufgenommen werden. 

Was war das denn? Da ist doch was falsch verdrahtet im deutschen Hochschul- und Bildungssystem, oder hatten die zu lange die Maske auf und deren Gehirn war zu lange sauerstoffunterversorgt? Leute, ich sag da nix zu. Aber es ging ja noch weiter, denn eine halbe Stunde später kam eine junge Kollegin in die Küche. Die Luft im Wohnzimmer sei nicht tragbar. Es wäre schön, wenn mal gelüftet würde. Alles klar, ich riss die Terrassentür auf, und obwohl es draußen rattenkalt war, lächelten alle blöde. Bitteschön. Ich helfe gern. Doch es ging noch weiter, denn geschlagene drei Minuten später klingelt es an der Tür: 

Mobbing-Meike, ihr erinnert Euch vielleicht, motzt bei noch halb geöffneter Tür und mit hochrotem Gesicht sofort los: „Sie lüften? Da ist doch bestimmt wieder gleichzeitig die Heizung an. Ich bin schockiert über die Ölpreise, und darüber, dass es in unserer Region kaum noch Öl gibt, und noch mehr darüber, dass ich ihretwegen kein Öl bestellen konnte, weil ich mich gegen ihre russische Killerkatze wehren musste, und jetzt ist es beinahe zu spät. Ganz abgesehen von den Kosten ist es nicht sinnvoll, dieses schwarze Gold aus dem Fenster zu werfen!“ 

Ich habe wortlos die Haustür zugeworfen, die Terrassentür ebenso und mich danach verdrückt.

Das war nur der Montag. Am Donnerstag klingelt es an der Tür: Mobbing-Meike. Schon wieder. Diesmal mit der Lokalzeitung in der Hand und einem triumphierenden Ausdruck im Gesicht. „Ihr steht mit Eurer russischen Corona-Zupfkuchen-Party in der Zeitung. Die Hälfte Eurer Gäste ist an Corona erkrankt. Jawohl. Mein Enkel Bastian hat recherchiert: Das war gar kein ukrainischer, sondern ein russischer, mit Omikron-Viren verseuchter Zupfkuchen. Das wird Konsequenzen haben.“

Als ich die Tür wieder schloss, musste ich daran denken, dass ich in der FAZ gelesen hatte, dass die ehemalige österreichische Außenministerin den edlen Schmuck, den sie 2018 von Putin zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte, jetzt wieder hat zurückgeben müssen. 

Ob der aus schwarzem Gold war? Ich sag da nix zu.

Leute, macht Euch ein schmuckes Wochenende, und nächste Woche kann ich hoffentlich erzählen, was aus meiner russischen Fellmütze geworden ist. Bis nächsten Samstag, Eure Ilse


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Dert Tisch 17
Dert Tisch 17
8 Monate zuvor

Ach wie schön. Da sieht man mal, dass wir soziale Wesen sind. Dem einen passt nicht, dass auf dem Balkon geraucht wird, dem anderen passt nicht, dass das Wasser in der Leitung zu laut rauscht. Wieder einem anderen passt nicht, dass die Wurst zu laut ins Wasser platscht. Ein anderer findet es eine Frechheit, trotz der Corona-Zahlen Gäste einzuladen. Der nächste findet es eine gute Gelegenheit, jetzt wieder Gäste einzuladen. Dem dritten passt es nicht, dass die FAZ auf dem Küchentisch liegt. Dem anderen gefällt der sexistische Playboy nicht, den man zufällig im Altpapier gesehen hat. Den anderen gefällt der aber ausgesprochen gut. Einige meinen, im Stehen pinkeln ist asozial, aber trotzdem finden das viele hygienisch. Von Hefe im Zupfkuchen distanziert man sich aber genauso wie vom Einmarsch in die Ukraine. Aber nicht aus politischen, sondern aus geschmacklichen Gründen. Und der Nachbar findet das geschmacklos. Sinnvoll ist das alles nicht. Aber so ist das Leben.
Schöner kurzweiliger Artikel ohne irgendeine große Botschaft. Toll, weiter so! Was mich aber ein wenig stört in der Kolumne, dass die Autorin so tut als wären ihre Mitmenschen Dummköpfe. Da fragt man sich schon, warum sie dann die Einladung ausgesprochen hat, wenn sie zwar Gesellschaft haben will, aber nicht bereit ist zu akzeptieren, dass jeder Mensch seine eigenen persönlichen Eigenarten hat.

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