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Wilde Ilse sagt nix zu „Politischer Klimawandel: Sommerloch wird immer größer“

Moin Leute, ich grüße Euch wieder. Allenthalben wird jetzt auf das Sommerloch gestarrt. Damit ist der Zeitraum gemeint, in dem es keine politisch-gesellschaftlich relevanten Nachrichten gibt, also die journalistische Saure-Gurken-Zeit. Angeblich ist damit nur die Zeit im Jahr gemeint, in der es aus Parlamenten, Ausschüssen und Behörden weniger zu berichten gibt, weil man in die Ferien fährt und den politischen Herrgott einen guten Mann sein lässt. Doch wenn ihr mich fragt: Haben wir nicht immer Sommerloch? Das politische und gesellschaftliche Klima ist zurzeit so vergiftet, dass das Sommerloch auch noch im Winter da sein wird.

Woran kann man das erkennen? Daran, dass seit Jahren schon Nachrichten zum Sich-zu-Tode-langweilen sind. Ständig reihen sich dieselben Feindbilder, dieselben Gehorsamsaufrufe und dieselben Angst- und Drohkulissen aneinander. Russe böse, Nato gut. Krieg ist Fortschritt. Frieden ist gut, aber es muss der richtige Frieden sein. Wer sich nicht impfen lässt, ist asozial. Querdenker sind Rechte und überwiegend Verbrecher, die man verfolgen und nachts zu Ermittlungszwecken aus dem Bett holen muss. Mehr thematische Abweichungen gibt es kaum.

Freund-Feind-Nachrichten und -Erzählungen sind nicht nur im Sommer an der Tagesordnung. Noch schlimmer ist der Umgang mit dem, was nicht gesagt werden darf. Es wird ignoriert oder vernichtet. Algorithmen oder Fakten-Checker-Portale passen da auf, und wenn doch mal in einer Schlagzeile das Unsagbare gesagt wird, dann wird das automatisch einem Nicht-sagbar-Schlagwort zugeordnet und gleich wieder unsichtbar gemacht. In den sozialen Medien wie Facebook oder Twitter gibt es beispielsweise immer mehr Warnhinweise, wenn man Beiträge weiterverbreiten möchte, die als kritisch eingestuft werden. Das wird dann Fehlinformation genannt und mit einem Banner belegt, auf das man drücken muss, wenn man den Beitrag trotzdem teilen möchte. Wer allerdings zu oft trotzdem weiterverteilt, muss mit Account-Sperrung oder -Löschung rechnen. Ich sag dazu nix, aber wenn das keine Informationskontrolle, also Zensur ist, weiß ich es auch nicht.

Ihr denkt, Ihr lebt in einer modernen Gesellschaft? Äh, sorry. Nein. Im Gegenteil. Zu einer modernen, einer so genannten „Funktional-differenzierten Gesellschaft“ gehört nicht nur moderne Technik.  Es gehört auch dazu, dass man das, was einem fremd ist, versucht zu verstehen und zu reflektieren. Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Fähigkeit, Fehler erkennen und analysieren zu können, um sie zukünftig zu vermeiden.

Dazu sind primitive Gesellschaften, und nein, das sind nicht die so genannten Wilden in Afrika, sondern wir, überhaupt nicht mehr in der Lage. Hat einer eine andere Meinung, ist er der Feind und muss zerstört werden. Ende, aus die Maus. Neue Erkenntnisse sind da Fehlanzeige.

Durch Widerkäuen alter Erkenntnisse entwickelt man sich allerdings nicht weiter, sondern zurück.

Meine Freundin aus Kiel ist Wissenschaftlerin und hat das bereits vor 20 Jahren ausgiebig erforscht und zu dem Thema habilitiert. Fun Fact: Sie hat natürlich keinen Ruf an eine deutsche Uni bekommen. Quod erat demonstrandum. Ich sag dazu nix.

Ist doch logisch, dass Politik und Gesellschaft hohl werden und es ist ebenfalls kein Wunder, dass viele Menschen lieber googlen, warum Thomas Gottschalk seine Locken auf ewig abgeschnitten hat, ob Florian Silbereisen wieder mit Helene Fischer zusammenkommt, dass Kate und William ein Portrait gemalt bekommen haben und warum Lego bald nicht mehr aus Plastik und Teil des „Sony-Epic-Lego-Metaversum“ sein wird.

Wenn Nachrichten, Berichte und auch Beiträge in sozialen Medien wieder mit Inhalt gefüllt werden sollen, muss man die Kontrollmechanismen und Diskursbremsen umgehen lernen und Kreativität trainieren. Probiert vielleicht doch mal aus, welche Wörter man sagen darf, und welche nicht. Vielleicht gibt es einen Ersatz für das I-Wort oder das C-Wort, zum Beispiel „In Benutzung nehmen“, oder „Creme“, Hauptsache, dem Algorithmus wird es ein bisschen schwerer gemacht.

So könnte man das Sommerloch vielleicht nutzen und verhindern, dass es so groß wird, dass es uns und unseren gesunden Menschenverstand verschlingt.

Ich werde es jedenfalls versuchen, wenn ich aus dem Urlaub wiederkomme. Ich fahre mit meinem Neffen Ole in die Ferien, und dann können mich die medialen und digitalen Politik- und Gesellschafts-Zersetzer mal am Bürzel picken. Ich wünsche Euch einen schönen Sommer, und lasst Euch nicht verschlingen. Dann sehen wir uns bald wieder. Bis dahin alles Liebe, Eure Ilse


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