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Wilde Ilse sagt nix zu „Gerechtes Töten, ungerechtes Töten“

Moin Leute, ich grüße Euch wieder. Der Titel heute irritiert vielleicht, doch wenn man wie ich 72 Jahre alt ist, springt einem das Thema Tod öfter ins Gesicht. Schließlich kann es vorkommen, dass sich in wöchentlichem Abstand jemand aus dem Freundes- und Bekanntenkreis in höhere Regionen verabschiedet. Mein Ex-Mann Ludger, oder meine Nachbarin Mobbing-Meike, die nicht nur mein Leben sauer machen, stets im Namen des Guten versteht sich, tun uns den Gefallen ihres Abtretens allerdings nicht, obwohl das laut Statistik längst hätte passieren können. Den einen Tod wünscht man sich, den anderen betrauert man – wenn man ehrlich zu sich ist und einen schwachen Moment hat. Damit sind wir mitten im Thema Doppelmoral. 

„Ilse, solche Gedanken stehen dir nicht. Das hast du gar nicht nötig.“, sagt meine Freundin Alma dann immer, wenn ich von einem der beiden oben Genannten mal wieder meinungsterrorisiert und beschimpft worden bin und fluchend in der Ecke hänge.

„Guck mal in die Schlagzeilen der Zeitung“, brumme ich dann nur. „Erstens: Jeden Tag Mord und Totschlag allenthalben. Das finden die Leute interessant, sonst wäre es keine Schlagzeile. Zweitens: Es gibt gerechten Mord und Totschlag und ungerechten Mord und Totschlag. Das findet man ebenfalls interessant“

Da will sie dann lieber nix von hören. Verstehe ich auch. Wenn man den Atem vom Sensenmann im Nacken spürt, schiebt man das Thema lieber weit weg. 

Das Thema Mord und Totschlag ist hochemotional. Darum wandert es auch permanent in die Schlagzeilen. Am deutlichsten wird das am Thema Geld für deutsche Waffenlieferungen in die Ukraine. Wie kann es sein, dass es einerseits dazu kommt, dass das so genannte „Sondervermögen“ für die Bundeswehr, das meines Erachtens besonders viel Unvermögen auf ganz vielen Ebenen ausdrückt, im Bundesrat genehmigt und sogar ein neuer Artikel 87a in das Grundgesetz aufgenommen wird, während man auf der anderen Seite den schlimmen Mord an einer Frau und einem Kind in Esslingen in den Schlagzeilen beklagt?

Durch die milliardenstarke Kreditbewilligung für die Bundeswehr werden sehr viele Menschen sterben. Mehr als eine Frau und ein Kind. Viele Frauen und Kinder werden durch dieses Geld sterben. Im Krieg werden Menschen brutal ermordet. Das weiß auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie ist am 15. Dezember 2021 zur Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages gewählt worden. In einer bekannten deutschen Talkshow hat sie die Professorin für Europapolitik Ulrike Guérot mit erhobenem Zeigefinger engagiert angeredet, um nicht angebrüllt zu sagen: „Da werden Leute abgeschlachtet – Wovon reden wir hier eigentlich?“.

Ulrike Guérot setzt sich für Frieden und gegen, noch mehr, Waffenlieferungen in die Ukraine ein, weil sie als Wissenschaftlerin die Folgen von Krieg für die Menschen in Europa einschätzen kann. 

Da fragt man sich doch, was da los ist. Sagt da mal jemand zu Frau Strack-Zimmermann: „Gute Frau, diese Gedanken stehen Ihnen nicht. Das haben Sie doch gar nicht nötig“? Im Gegenteil. Der Tod von vielen Männern, Frauen und Kindern durch deutsche Waffenlieferungen erscheint in der Talkshow als gerecht, während demgegenüber angeblich nur russische Soldaten Menschen „abschlachten“ und darum Töten durch Töten verhindert werden muss. Ich sag dazu nix.

Doch es werden auch viele Leben erhalten. Die Kreditgeber für das „Sondervermögen“ verdienen wunderbar an den 100 Milliarden Euro, es sei denn, der Kredit wird nicht zurückgezahlt. Jeder, der schonmal einen Kredit mit deutlich weniger Nullen aufgenommen hat, weiß allerdings, dass man bereits für eine deutlich niedrigere Kreditsumme nachweisen muss, dass man imstande ist, das Geld zurückzuzahlen, und dass einem gegebenenfalls das Haus unter dem Hintern weggepfändet werden kann, sollte man zahlungsunfähig sein.

Zurück zu den aktuellen Schlagzeilen. Derjenige, der in Berlin mit seinem Auto einen Menschen getötet und viele Menschen verletzt hat, wird in eine Psychiatrie eingeliefert. Das empfinden wir als gerecht. Würde jetzt jemand darauf hinweisen, dass diejenigen, die mit Bundesrat und Grundgesetz und Milliarden Euro im Rücken, vorsätzlich Menschen umbringen und deshalb der Gerechtigkeit wegen ebenfalls in entsprechende Einrichtungen verfrachtet gehörten, fänden das viele hochgradig empörend. Da bin ich mir sicher. Ich sag dazu nix.

Die Opfer der Amokfahrt in Berlin werden psychosozial betreut. Das empfindet man als gut und gerecht. Die Opfer des Krieges in der Ukraine werden nicht mit Milliarden Euro versorgt, um sich psychosozial betreuen zu lassen. Das empfinden wir als gut und gerecht. Ich sag dazu nix.

Verrückte Welt, wenn ihr mich fragt.  Aber wenigstens bin ich mit meinem Gedanken: „Wieso stirbt mein bester Freund, aber mein bester Feind nicht?“ nicht allein. Alles voll normal. Ein schwacher Moment eben. Im besten Deutschland aller Zeiten.

Ich möchte mich richtig verstanden wissen: Für die Hinterbliebenen ist jeder Tod eines Angehörigen oder Freundes hart und tragisch. Und fürs Protokoll: Im Grunde meines Herzens wünsche ich natürlich niemandem den Tod, auch nicht als Erlösung für denjenigen oder andere, und auch nicht, wenn man mir viel Geld geben würde.

Und dass mir jetzt bitte niemand eine Depression bekommt. Die meisten Leute wollen niemanden töten und möchten auch nicht daran beteiligt sein. Das, was in den Medien steht, spiegelt vielleicht nicht unbedingt das wahre Verhältnis wider. Also, ich wünsche Euch in dem Sinne ein galaktisch schönes friedliches Wochenende mit lieben Menschen. Bis nächsten Samstag, Eure Ilse


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