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Wilde Ilse sagt nix zu armen Erdbeer-Bauern

Last updated on 2. Juni 2022

Letzte Woche hatte ich beinahe einen Herz-Riss. Meine Nachbarin, Mobbing-Meike, ihr erinnert Euch vielleicht, hat alle meine Erdbeeren im Garten vernichtet. „In NRW vernichten Bauern ihre Erdbeer-Ernte – Solidarität mit den Bauern aus dem Münsterland. M.“

Das hat sie mir auf einen Zettel geschrieben und in den Briefkasten gesteckt. Da brauchte ich erst mal einen Schnaps. 

Ich weiß auch nicht, wen ich schlimmer fand, die Bauern oder Mobbing-Meike.

Bis vor ein paar Tagen hatte ich geglaubt, hauptsächlich die Dithmarscher Bauern hätten Deiche vor ihre Denkfelder errichtet, um sich auf keinen Fall von Logik oder gesundem Menschenverstand überfluten zu lassen. Nein, es ist bis nach Münster übergeschwappt, wo die Bauern jetzt ihre Erdbeer-Ernte vernichtet haben.

Meine Gärtnerinnen-Logik sieht so aus: Wenn ich Erdbeeren liebe und eine prächtige Ernte möchte, setze ich alles daran, diese Pflanze zu hegen und zu pflegen, damit sie mir zum Dank ihre prallen und knallroten Früchte schenken will. Ich halte also Schädlinge fern, mulche wie verrückt und zupfe jedes noch so kleine Beikraut aus. Amsel, Drossel, Fink und Star werden mittels Vogelschutz-Netz ausgesperrt und Schnecken können sich auf was gefasst machen, sollten sie auf die Idee kommen, mir die Beikraut-Aufräumarbeiten großzügig abnehmen zu wollen. Schließlich ist es dann so weit: Die rote Pracht füllt Schüsseln und Schleckermäuler. Es ist genug für alle da. Die Nachbarkinder dürfen kommen und sich holen, was sie essen können.

Demgegenüber sieht die Westfälische Erdbeerbauern-Sachzwang-Logik so aus: Die Preise für Erdbeeren sinken. Die Kosten steigen. Es ist Ukraine-Krieg. Daran ist Russland schuld. Die armen Landwirte. So viele Erdbeeren. Knapp müssten sie sein, dann könnte man teuer verkaufen und damit die Kosten decken. Oder die Leute müssten mehr Erdbeeren kaufen. Das machen die aber nicht, weil die sparen müssen. Hohe Energiepreise und so. Wegen des Ukraine-Krieges. Der Münsteraner Beeren-Landwirt ist also Opfer.

Was ist nach dieser Logik des Pudels Kern? Wenn der westfälische Erdbeerbauer die Erdbeeren nicht ohne Gewinn haben kann, dann soll sie auch kein anderer haben. Ganz einfach. Er ist also zu dieser Wahnsinnstat gezwungen. Jawohl. Gezwungen. Und deshalb tut er sich auch besonders leid und weint und greint in Interviews, damit es alle sehen.

Ich sag dazu nix. Nix. Nicht einen Pieps. Ich habe da nur mal eine Frage, und zwar: Seid Ihr alle noch ganz gesund in der Birne, oder was? Da ist doch was falsch verdrahtet bei Euch.

Wieso habt Ihr, anstatt die Erdbeeren zu vernichten, nicht einfach mal ein paar Kriegs-Flüchtlinge zur Selbstbedienung auf die Felder eingeladen, erst recht, wenn ihr doch Krieg und dessen Folgen angeblich so bedrängend findet? Warum habt ihr die Erdbeer-Fülle nicht an Eure Landsleute aus den Obdachlosenheimen, den Tafeln, oder wenigstens Schulküchen weiterverteilt? Ihr hättet Euch dabei sogar von EU-Politikern begleiten lassen und von der Mainstream-Presse filmen lassen können.

Ich weiß nicht, liebe Erdbeer-Bauern aus dem Münsterland, ob Ihr es schon wusstet, aber: Durch Krieg wird Hunger erzeugt. Wenn in der Ukraine – mal ganz unabhängig von irgendeiner Schuldfrage – nicht erst seit gestern Krieg herrscht, dann kann man also davon ausgehen, dass Hunger ein Riesenproblem ist. Mariupol zum Beispiel liegt ca. 2500km von Münster entfernt. Das ist in einem Tag und 7 Stunden mit dem Auto zu erreichen. Nicht weit weg also. Im Vergleich zu Palma de Mallorca.

Wie kann es sein, dass man prachtvolle Lebensmittel zerstört, dann noch zu weinen anfängt, und sich selbst leid tut, während eine Auto-Tagesstrecke vom eigenen Wohnort entfernt Menschen nix zu fressen haben, weil sie im Krieg leben müssen?

Wie bitte? Ihr könnt nix dafür? Völlig richtig. Die Menschenverachtung hat System. Diejenigen, die ohnehin zu wenig haben, bekommen von denen, die zu viel haben, auf gar keinen Fall etwas ab. Das wäre im wörtlichen Sinn gesunder Menschenverstand. So ist es aber nicht, im Gegenteil. Diejenigen, die ohnehin zu wenig haben, müssen denen, die zu viel haben, noch etwas abgeben. Falls jetzt jemand an Feudalismus denkt: Richtig – und zwar in der modernen Variante.

Das ist für jeden nachvollziehbar an der Denk- und Handlungslogik des UN-Ernährungsprogramms (WFP). Das warnt gerade vor einer weltweiten „Nahrungsmittelknappheit infolge des Ukraine-Kriegs“. Plötzlich denkt man auch an den Jemen und an Ostafrika und weist darauf hin, gerade für diese Krisenregionen sei das eine „Katastrophe“. In der Tagesschau online heißt es weiter hilfreich zur Feindbildgenerierung: „Westliche Staaten geben Russland die Schuld daran“. Herzlichen Glückwunsch. Der Propagandist hat hundert Punkte.

Mit der Nahrungsmittelknappheit hätte laut UN-Ernährungsprogramm der Krieg „eine Katastrophe zusätzlich zur Katastrophe“ verursacht. Direkt im nächsten Satz wird dann darauf hingewiesen, dass das UN-Ernährungsprogramm bereits die Lebensmittelhilfen für Bedürftige kürzt.

Logo, oder? Wer nix hat, kriegt nix. Ende und aus die Maus. Da hat es sich ausgeschlemmt. Wieso sollten also die Erdbeer-Bauern aus Münster den Bedürftigen ihre Erdbeeren geben, wenn selbst das WFP bei Nahrungsmittelknappheit zuerst anfängt, bei den Bedürftigen zu kürzen? Ich sag dazu nix.

Für die armen Erdbeerbauern, die von der UN und deren Interessenvertretern diese feudale Logik vorgebetet bekommen, habe ich folgenden Vorschlag zur Existenzsicherung. Vielleicht sattelt ihr einfach um, liebe Bauern. Wechselt doch in die Rüstungsindustrie. Menschen zum Töten gibt es wie Sand am Feindbild-Meer. Da sind noch ein paar ordentliche Margen drin. Menschenverachtung ist gerade en vogue. Die Erdbeere muss moderner werden. Denkt mal drüber nach.

Leute, macht Euch um mich aber keine Sorgen. Ich hatte drei Erdbeerpflanzen in Töpfe gepflanzt und reingeholt. Denen geht es prima, dank liebevoller Luxuspflege. Sie danken es mir mit einer prächtigen Ernte. Am Wochenende kommt mein Neffe Ole mit den Kindern zu Besuch. Die dürfen dann ernten.

Macht Euch ein prächtiges Wochenende und genießt die Fülle überall, wo ihr sie antrefft. Bis nächsten Samstag, Eure Ilse.


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