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Wilde Ilse: Der Waschlappen-Vertreter

Last updated on 19. August 2022

Moin Leute, ich grüße Euch wieder. Ich habe im Urlaub nochmal ein altes Buch von Michel Foucault gelesen. Nein, das ist nicht der mit dem Pendel, sondern der mit Werken wie „Diskurs und Wahrheit“ und „Archäologie des Wissens“. Er hat den Begriff „Bio-Macht“ geprägt. Der Begriff könnte nicht aktueller sein als zurzeit. Bio-Macht ist eine Herrschaftstechnik, derzufolge in der modernen Gesellschaft Macht über unsere Körper ausgeübt wird, zum Beispiel durch Regulierung der Fortpflanzung oder den Gesundheitszustand. Einfach gesagt: Früher gab es Untertanen und einen Souverän, der über Leben und Tod entschied, heute gibt es Untertanen unter Gesundheitsdiktatur. In der letzten Woche konnte ich das gleich anhand eines praktischen Beispiels aus dem Leben nachvollziehen, denn ich hatte Vertreterbesuch. Allerdings war das kein normaler Vertreterbesuch.

Ich fang mal ganz von vorne an. Am Dienstag vergangener Woche will ich eigentlich mal wieder einen Brief an das Ordnungsamt schreiben, weil die meine russische Fellmütze immer noch nicht rausrücken, da klingelt es an der Tür. Da steht er da, der Vertreter. Ich wusste gar nicht, dass es das überhaupt noch gibt und sage ihm das auch gleich. Er sieht auch aus wie aus der Zeit gefallen: Hellblauer Anzug, der gepflegt und gleichzeitig verstaubt aussieht, kein Hemd, sondern ein T-Shirt unter dem Sakko, eine Brille mit modernem Gestell, weißhaarig mit Meckifrisur und an den Füßen Joschka-Fischer-Turnschuhe. Er ist braungebrannt, hat kleine Augen und die Adern an seinem Hals wirken so fest und steif, dass ich ihn am liebsten zum Körpertherapeuten schicken würde.

Er erinnert mich an einen Politiker, aber ich komme nicht drauf. „Ihre Nachbarin hat mich geschickt“, sagt er mit ganz breitem Verkäufergrinsen. „Sie haben, wie ich von ihr erfahren habe, ein Problem mit dem Energiesparen“. „Na warte, Mobbing-Meike“, „Nachdem Ole dich vor kurzem achtkantig aus dem Haus geworfen hat, schickst du nun einen Vertreter, oder wie“, denke ich, bin aber trotzdem neugierig auf das, was jetzt kommt. An wen erinnert der Typ mich nur? „Sie duschen wohl täglich länger als zwei Minuten und eine Badewanne haben sie sogar auch, wie ich gehört habe?“, fragt er mich in jovialem Tonfall aus. Ich sag dazu nix und sehe ihm einfach nur tief in die Augen.

„Ich habe da etwas für Leute wie Sie. Eine ganz brauchbare Erfindung. Es ist ein so genannter Waschlappen, manchmal auch Seiflappen oder Seiftuch genannt. Ein Textilstück aus Frottee. Sehen Sie, ich habe ihnen…“, er nestelt an seinem großen dunkelbraunen und etwas fleckigen Koffer herum, um ihn zu öffnen und mir seinen Inhalt präsentierend entgegenzuhalten, „…mehrere meiner besten Stücke in unterschiedlichen Dicken mitgebracht“. Er balanciert den Koffer auf den Händen und blickt hoffnungsvoll in den Flur, um zu signalisieren, dass er am liebsten Einlass gewährt bekommen würde. Das ignoriere ich natürlich. Er seufzt.

„Wissen Sie, ich selbst kenne mich mit Waschlappen aus. Ich bin da auf einem guten Weg. Ich habe eine Solaranlage auf dem Dach und fahre ein Elektroauto. In unserem Haus heizen wir auch nur ein Zimmer. Es ist auch gesünder, wenn man im Haus nicht überall die gleiche Temperatur hat“, erzählt er wie ein braver Schüler, dem man gerade ein Fleißkärtchen gegeben hat. „Kennen Sie Herrn Kretschmann? Den Ministerpräsidenten? Grünen-Politiker? Ein Vorbild für mich. Der Mann versteht etwas von Energiesparen“, erklärt er mir. „Ach, daher kommt er mir so bekannt vor“, denke ich und antworte ihm:

„Guter Mann“, sage ich. „Das kann ja alles sein. Aber wollen Sie mal wissen, wie ich überhaupt 72 Jahre alt geworden bin? Ich dusche jeden Tag und genieße regelmäßig ein ausgiebiges Kleopatra-Bad. Dabei fühle ich mich so richtig wohl und tief entspannt. Da spare ich dann auch Geld, weil ich kein Geld für völlig überteuerte Achtsamkeits-Seminare ausgeben muss, damit ich wieder lerne, wie Entspannung geht. Jeder weiß, dass Entspannung das Immunsystem stärkt. Ich kann ihnen gerne zeigen, was ich für tolle Duschgels und Badelotionen habe. Dann dürfen Sie sich etwas mitnehmen. Denn wenn ich mir ihren Nacken ansehe, wird der es Ihnen danken“.

Er verzieht das Gesicht. „Igitt, Baden ist doch nun wirklich der beste Weg, den Dreck von den Füßen ins Gesicht zu bekommen“, stottert er und fummelt linkisch ein Waschlappen-Paar aus dem Koffer. „Waschlappen gibt es für oben- und untenrum. Das ist sehr praktisch. Hier habe ich das Modell „Arscherl“ und „Goscherl“, jeweils ganz zauberhaft eingestickt. Das schmückt auch ihr Go…, äh, Badezimmer“.

Das war zu viel. Ich schließe die Tür. Während ich weggehe, höre ich ihn noch etwas von „Noch nie war es so einfach ein Waschlappen zu sein, äh, einen Waschlappen zu haben“ und „Sparen Sie Energie wie nie. Ich helfe gern“, rufen.

Also Leute, ehrlich. Ich lasse mir doch von so dahergelaufenen Waschlappen, äh, Politikern und ihren Vertretern nicht vorschreiben, wie lange, wie oft und vor allem an welchen Körperstellen ich meine Körperhygiene vollziehe. Mein Körper gehört mir. Bio-Macht? Nein, Danke. Ohne mich.

Ein schönes Wochenende wünsche ich Euch und lasst es krachen -oder plätschern. Bis nächsten Samstag, Eure Ilse


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