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Reisenotizen aus Russland – Teil.1

Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit.

Marc Twain

Es ist der 7. Mai 2022. Gemeinsam mit Mathias Bröckers und Tom J. Wellbrock sitze ich in einem Minibus, der uns vom Flughafen Moskau direkt in das Herz der Stadt transportiert. 

Straßenarbeiter werden in Bus transportiert, um bei den Vorbereitungen des 9. Mai eingesetzt werden zu können.

Nach der mehrstündigen Flugreise und den damit einhergehenden Beklemmungen, erschlägt mich die schiere Größe dieser Stadt.

«Moskau ist groß…» grinst Mathias. «Du darfst den Satz gerne für deinen Artikel verwenden..», lässt mich mein Sitznachbar in jovialem Ton wissen. Ich lache und freue mich, Teil dieser kleinen und unkonventionellen Reisegruppe zu sein.

Beflaggung und Banner in Moskau anlässlich des 9. Mai. Es ist das Wort победа / Sieg zu lesen

Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, desto häufiger sind die roten Banner und Fahnen für den anstehenden «Tag des Sieges»[Am 9. Mai gedenkt Russland dem Sieg der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland 1945.]  zu sehen. Es herrscht emsiges Treiben – überall werden letzte Vorbereitungen für den Feiertag getroffen.

Warum fahre ich in Zeiten des Krieges nach Russland? Diese Frage wird mir von einigen Bekannten mit großer Sorge und Unverständnis gestellt. Aber genau das ist mein Wunsch: Ich möchte mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen – deren Sicht auf die derzeitige, sich permanent zuspitzende Situation erfahren, da sich für mich die Informationslage im «Westen» mehr als unbefriedigend darstellt.

Seit Monaten überbieten sich Politiker und sogenannte «Experten» in den westlichen Talkshows und Nachrichtensendungen mit Tiraden gegen den «Aggressor» Russland. Journalisten und ausgemachte Russlandkenner, die versuchen, sich differenziert zur Lage zwischen Ost und West zu äußern, werden mit Schimpf und Schande aus dem medialen Debattenraum gedrängt, als «Putinversteher» gebrandmarkt. Russische Medien (wie auch immer man zu diesen stehen möchte) werden zensiert.

Einen traurigen Höhepunkt der derzeitigen Situation stellte für mich die Aussage von Florence Gaub dar, die bei Markus Lanz folgenden Satz unwidersprochen äußern konnte:

„Wir dürfen nicht vergessen, dass, auch wenn Russen europäisch aussehen, es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne…“

Florenze Gaub in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ am 12. April 2022

Soviel sei vorweggenommen: Nach meiner Reise nach Russland kann ich mit Sicherheit behaupten, dass derlei Aussagen von einem enormen Unwissen, ja blindem Hass zeugen, der ein Gedankengut bedient, welches wir als «westliche Wertegesellschaft» vermeintlich schon lange hinter uns gelassen haben.

Rückseite des «Museum des Sieges» auf dem Poklonnaya-Hügel

Nach unserer Ankunft in Moskau besuchen wir am Morgen des 8. Mai das Museum des Sieges. In dem Museum werden Geschehnisse des «Großen Vaterländischen Kriegs» zwischen 1941-1945 mit Mitteln modernster Technik für den Besucher möglichst anschaulich, ja nahezu realistisch dargestellt.

Eingang in die Ausstellung des Museums des Sieges.
Junge betrachtet Kriegsspielzeug im Museumsshop.

Kaum haben wir das Museum betreten, prasseln sehr viele unterschiedliche Eindrücke auf mich ein. Zum einen drängen sich sehr viele Menschen in den Gängen, was dem anstehenden Feiertag geschuldet ist. Zum anderen macht mich der Museumsshop stutzig. Wird dort doch allerlei Militärspielzeug für Kinder angeboten, das ich in dieser Form in unseren Spielzeugläden noch nicht gesehen habe. Jedoch fällt mir beim genaueren Betrachten des Spielzeugs auf, dass in unseren deutschen bzw. österreichischen Spielzeugläden, besonders das Polizeispielzeug in den letzten Jahren immer militärischer anmutet bzw. große Ähnlichkeiten zu dem in dem Museumsshop angebotenen Spielzeug aufweist.

Kinder lesen an großen interaktiven Bildschirmen zu den Kriegsereignissen.
Darstellung aus der Schlacht von Kertsch. Unserer Führerin erläutert einige Fakten

Nun beginnen wir die Tour durch die unterschiedlichen «Stationen» des Museums. Es werden historische Aufnahmen verschiedener Schauplätze mit einem sehr realistischen «Bühnenbild» verknüpft. Beim Anblick dieser Szenerien bildet sich ein dicker Klos in meinem Hals. Bin ich zunächst sehr skeptisch, so merke ich im Verlauf der Führung, dass diese sehr anschauliche Präsentationsform durchaus einen Sog entwickelt, der mich als Betrachter in die Geschehnisse des Kriegs zieht. Diese vom Museum gewählte Präsentationsform bewegt offenbar auch meine Kollegen, die auf einmal recht still die unterschiedlichen Räume durchschreiten.

Tom J. Wellbrock und weitere Besucher in einer nachgebauten Ruine

Diese schier unglaubliche Zahl mag manchem Interessierten noch im Hinterkopf präsent sein. Im Gespräch mit den Menschen vor Ort, erhält diese Zahl ein «echtes» Gesicht. Wird doch schlagartig bewusst, dass nahezu jede russische Person, die in diesem Museum anzutreffen ist, eine persönliche Geschichte des Verlusts mit dieser Zahl verbindet.

Eindrücke aus der Ausstellung

18. Millionen russische Zivilisten starben durch die unmittelbaren Folgen dieses unmenschlichen Kriegs. Ein kollektives Trauma, dass die Sicht auf die Welt, aber auch auf die eigene Identität nachhaltig beeinflussen muss. Auf meine Frage hin, ob «die Russen» wegen dieser Ereignisse noch immer Groll, oder Hass gegenüber uns Deutschen empfinden, wurde mir dies stets verneint. Wir, die nachfolgenden Generationen seien nicht für die Schrecken des damaligen Kriegs verantwortlich –so die einhellige Meinung.

Junge posiert für seine Mutter auf den nachgebauten Stufen des zerstörten des Berliner Reichstags

Ich bin bewegt. Im letzen Raum des Museums befinden wir uns in den nachgebauten Ruinen des zerstörten Berlins. Ein Junge lässt sich von seiner Mutter auf den Stufen des Reichstags fotografieren. Eine der vielen surrealen Szenen dieses Morgens.

Versetzt man sich in die russische Perspektive auf die Geschehnisse des 2. Weltkriegs, so wird deutlich, dass es sich um die Perspektive der «Sieger» handelt. Sieger, deren Sieg über Nazideutschland nur durch immense eigene Verluste errungen werden konnte. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht mir, diese mir sehr ungewohnten Eindrücke im Museum besser einzuordnen. Den Schmerz, aber auch den Stolz der Russen etwas besser nachvollziehen zu können.

Eine Kindergruppe präsentiert einen Song in der Haupthalle des Museums.

In der Haupthalle des Museums angekommen, werden wir durch laute Musik empfangen. Es findet offensichtlich gerade ein Gesangs-Event für Kinder und Jugendliche statt. Die stampfenden Bässe und übersteuerten Mikrofone holen uns unvermittelt in die Gegenwart zurück. Eine Mädchengruppe performt gerade einen Song, dessen Text ich leider nicht verstehen kann, da sich die verstärkten Stimmen in der großen Halle überschlagen.

Jugendliche in Uniform auf dem Weg zum Event in der Haupthalle

Als wir uns schließlich dem Ausgang nähern, treffen wir auf einige Jugendliche in Uniform, die auf dem Weg in das Museum sind, um auch an dem Event teilzunehmen.

Wieder einer dieser skurrilen Moment an diesem Morgen.

Bildnachweis: sämtliche Bilder © Thomas Stimmel


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