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Rede einer jungen russischen Studentin

Wir leben in Zeiten der Demagogie. Gedanken und Argumente der »Gegenseite« werden ignoriert, oder ins Gegenteil verkehrt. In aufgeladenen Zeiten wie diesen fällt es schwer, einen der wichtigsten Bausteine unseres Miteinanders, nämlich das »Zuhören« zu pflegen. Aber wie soll man zuhören können und auf informierte Weise Argumente austauschen, wenn dieser so wichtige Austausch, durch eine permanente, sich sogar immer weiter in die Eskalation schraubende Propaganda, verunmöglicht wird? Auf unserer Reise nach Russland konnten wir vielen Menschen zuhören. Unter anderem auch der jungen Studentin Anna (Anm. d. Red. der Name wurde von der Redaktion geändert), die eine kurze Eröffnungsrede für eine Diskussionsrunde an der Universität Woronesch hielt, an welcher wir teilnehmen konnten. Diese Rede möchte ich Ihnen im Folgenden zu Verfügung stellen. Vielleicht eine Möglichkeit für den geneigten Leser, sich zumindest mit den Gedanken und Aussagen dieser Vertreterin der jungen Generation in Russland, auseinanderzusetzen.

Guten Morgen. Ich begrüße jeden von Ihnen. Mein Name ist Anna und was heute stattfindet, ist keine Vorlesung, sondern ein Treffen, und ich eröffne es. Wissen Sie, meiner Meinung nach ist jeder von uns hierher gekommen, um Antworten auf eigene Fragen zu bekommen, um etwas zu realisieren, um etwas zu verändern, oder umgekehrt seine Überzeugungen zu bestärken. Antworten entstehen nur im Laufe der Kommunikation, im Gespräch. Deshalb bin ich heute – genauso wie Sie – aus dem einzigen Grund hier – um zu sprechen, um meinen Standpunkt darzulegen und Antworten auf meine Fragen zu finden.

Ich bin eine Vertreterin des russischen Volkes, meines Landes und meiner Kultur, die heute leider auf der ganzen Welt gecancelt wird. Es ist für mich völlig unfassbar, wie so ein großer Teil des gesamten historischen und kulturellen Erbes einfach so „weggeworfen“ werden kann. Man möchte meinen, diese Politik der Toleranz – d.h. eigentlich auch Aufgeschlossenheit – setzt das Recht auf ein andersartiges Gedankengut, das Recht auf etwas Anderes voraus. Aber in Wirklichkeit sieht man eine Politik der Pseudotoleranz, die am Beispiel unserer eigenen Kultur umgesetzt wird. Durch das Canceln des russischen Kulturgutes, das tatsächlich das Kulturerbe nicht nur von Russen, sondern auch Ukrainern, Weißrussen, Kosaken und anderer Völker umfasst, versucht man im Westen, die Werke von solchen Klassikern der Weltliteratur und Humanisten wie Anton Tschechow, Fjodor Dostojewski und Lew Tolstoi zu vergessen und abzuwerten. Diese sind aber die Schriftsteller, die von Barmherzigkeit, Nächstenliebe, christlichen Werten schrieben. Sieht das nicht absurd aus? Gecancelt wird komplett alles: von den größten Komponisten bis zu „den russischen Eichen“.

Und doch ist eine andere Beobachtung viel wichtiger – das ist die Einigung des russischen Volkes, die sich in den letzten Monaten erheblich verstärkt hat. Diese spiegelt sich sehr deutlich in der Reaktion auf die oben erwähnte kulturelle Ausgrenzungspolitik wider. Das Canceln der Werke von Pjotr Tschaikowski und Dmitri Schostakowitsch hat dazu geführt, dass sogar diejenigen, die sich für Klassik kaum interessieren, ihre Unzufriedenheit explizit zum Ausdruck bringen und sich aktiv zum Schutz der von Schostakowitsch geschriebenen Leningrader Sinfonie einsetzen, die in dem belagerten Leningrad entstand und eigentlich zur geistigen Ermutigung unseres Volkes diente. Und unsere paralympischen Athleten sangen stolz die in der absolut „unpolitischen“ Sportveranstaltung verbotene Hymne mit der russischen Trikolore in ihren Händen, was das ganze Russland unterstützt hat.

In diesem Zusammenhang habe ich eine Frage: Können wir uns heute auf die gleiche Weise einen, wie es unsere Vorfahren während des Großen Vaterländischen Krieges getan haben? Werden wir auch in der Lage sein, uns zu vereinen und dem Nazismus und der Russophobie Widerstand zu leisten, die sich heute erneut ausbreiten? Sind wir überhaupt der Erinnerung an unsere Vorfahren würdig, die uns vor 77 Jahren von dem Faschismus befreit haben?

Die heutigen Ereignisse sind das Ergebnis davon, wenn man seine eigene Geschichte, die Geschichte seines eigenen Volkes vergisst. Es ist für uns alle sehr schmerzhaft zu sehen, wie in der Ukraine ein massiver – dieses Wort ist aus meiner Sicht keine Übertreibung – Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung begangen wird; wie die nationalistische Ideologie auf der staatlichen Ebene propagiert wird; wie Kollaborateure und Handlanger von Faschismus glorifiziert werden, die in den Zeiten des Zweiten Weltkrieges Gräueltaten an ihrem eigenen Volk begangen haben. Russischsprachige Ukrainer, die sich weigern, ihre Vergangenheit und ihre Herkunft zu vergessen, werden jetzt ausgerottet, nur weil sie zur russischen Welt, zur russischen Kultur gehören.

Darüber hinaus versucht man im Westen aktiv, die Geschichte neuzuschreiben, indem der UdSSR – und gleichzeitig Russland als ihre Nachfolge – die Schuld an dem Zweiten Weltkrieg zugeschrieben wird, abgesehen von den historischen Fakten, oder den freigegebenen Dokumenten der Vorkriegszeit oder den Äußerungen von Spitzenpolitikern der damaligen Periode. Am 19. September 2019 wurde im Europäischen Parlament die Entschließung «zur Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas“ verabschiedet», in der die Sowjetunion direkt beschuldigt wurde, den Krieg gemeinsam mit Nazi-Deutschland begonnen zu haben. Und das spricht Bände. Aus meiner Sicht geht es darum, dass man in Europa eine Entscheidung getroffen hat, solche Ereignisse wie das Münchner Abkommen aus dem Buch namens Geschichte zu streichen, als Deutschland zusammen mit Polen die Tschechoslowakei teilten, wobei Frankreich und Großbritannien trotz des offenen Einspruches der UdSSR nichts vornahmen. In Vergessenheit geriet auch die damalige Machtlosigkeit des Völkerbundes und jede Art der Ignorierung der Vorschläge der UdSSR, die ein System der kollektiven Sicherheit zu schaffen versuchte. Diese Liste kann noch erweitert werden. Setzt man sich richtig mit dem Thema auseinander, wird es offensichtlich und klar, dass die Sowjetunion bis zum Ende versucht hat, den Krieg zu verhindern. Die politische Situation von damals ist aber der heutigen Lage sehr ähnlich, muss man sagen.

Während des Großen Vaterländischen Krieges und des Zweiten Weltkriegs verlor die UdSSR 27 Millionen Menschen – also jeden siebten, während Großbritannien jeden 160, die USA jeden 360. verloren. Wie kann das vergessen werden? Wie kann man den Heldenmut des sowjetischen Volkes vergessen, das trotz kolossaler Verluste dem Gegner standhalten konnte und das ganze besetzte Europa vom Faschismus befreit hat? Anscheinend ist das möglich. Anscheinend ist das vergessen worden.

Aber wie ist dazu gekommen? Wie kann man die französische Résistance, die polnischen Partisanen, die deutschen und italienischen Antifaschisten und überhaupt die Heldentaten aller Europäer vergessen, die gegen den Faschismus gekämpft haben? Aber die Politiker von Heute vergessen lieber diese Taten, die von ihren eigenen Völkern vollbracht wurden, und vernichten alle damit verbundenen Erinnerungen, indem sie entsprechende Denkmäler zerstören.

Es gibt keine einzige Familie in Russland, die vom Krieg nicht betroffen wurde. Und jeder von uns hat seine eigene Geschichte. So habe ich meine. Und ich werde die große Tat meiner Familie und meines Ururgroßvaters nicht vergessen können, der im Krieg war und schwer verletzt wurde, als er 1944 Polen befreite, wofür er mit dem Ruhmesorden ausgezeichnet wurde. Ich werde auch die Erinnerung an meine Urgroßmutter nie verlieren, die im Alter von 12 Jahren bei der Post arbeitete und versuchte, möglichst schnell Briefe und Pakete auszutragen, bevor Beschuss oder Bombardierungen begannen. Ich vergesse nie meinen Urgroßvater, der kurz vor seinem 18. Geburtstag an die Front ging und in der Nähe von Smolensk kämpfte. Alle diese Leben wurden vom Krieg versengt.

Sie wurden gefragt: «Wie konntest du keine Angst haben, zu kämpfen, Post zuzustellen und dein Leben zu riskieren?». Immer war ich aufs tiefste von ihrer Antwort berührt.
„Wer sonst, wenn nicht ich?“ war die Antwort. „Ja, das war furchtbar, aber ich habe mein Heimatland verteidigt. Ich habe für die Zukunft, für das Schicksal meines Volkes gekämpft.“

Und wie kann man das belagerte Leningrad vergessen, wo die Mitarbeiter des Forschungsinstituts für Pflanzenbau an Hunger starben aber doch die einzigartige Sammlung von Samen aus der ganzen Welt bewahren konnten und dabei keinen einzigen Samenkern nutzten, um den Genpool von den Pflanzen zu retten. Wie kann von der Geschichte diese Tatsache gestrichen werden, dass die Sowjetunion nach Kriegsende Lebensmittel nach Österreich und in andere europäische Länder lieferte, während von Rschew bis Stalingrad nur verbrannte Erde war?

Wie können Menschen in so einen Zustand gebracht werden, dass sie die unglaublichen Taten ihrer eigenen Väter, Großväter und Urgroßväter vergessen und stattdessen Nazis preisen, die einen Vernichtungskrieg gegen ihre Vorfahren führten, wo die Letzen millionenfach starben? Meiner Meinung nach ist das ein direkter Weg zum Verlust der nationalen und kulturellen Identität.

Trotz aller Schrecken hat das sowjetische Volk den Krieg überstanden. Unter dem sowjetischen Volk meine ich Russen, Ukrainer, Weißrussen, sowie Kalmücken und Kasachen und alle anderen Volker, die damals gemeinsam den Sieg und Frieden erkämpft haben. Slawische Völker haben sich immer vereinigt, wenn sie unter der Gefahr standen, ihre Freiheit, Staatlichkeit und Identität zu verlieren. Wir haben eine gemeinsame Geschichte. Das ukrainische, belarussische und russische Völker haben sich immer ergänzt und waren wie eins. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Russland nach so vielen Kriegen und Verlusten, zu einem Aggressor gegen ihre eigenen Völker werden kann, die dort auf den Schlachtfeldern bei Kiew, Charkow, Leningrad ihr Leben opferten.

Wir haben immer zusammengehalten und bis zum Ende gekämpft. Sei es der Zweite Weltkrieg, oder der Vaterländische Krieg von 1812, als sich Tausende von leibeigenen Bauern in Partisanenabteilungen organisierten und gegen die Franzosen kämpften. 

Heute umfasst Russland mehr als 190 Völker verschiedener Glaubensrichtungen, Traditionen und Sprachen. Die russische Kultur vereint sie alle und auch ihr Erbe und schützt es auf die gleiche Weise, wie die Vertreter von mehr als 30 verschiedenen Nationen 1941 die Brester Festung bis zu ihrem letzten Atemzug verteidigt haben.

Jetzt zurück zu meiner Frage, die lautet: Können wir uns heute so gut einen, wie unsere Vorfahren, mit deren Fotos wir stolz landesweit durch die Straßen im Unsterblichen Regiment marschieren? Ich kann definitiv mit Ja antworten.

Das haben wir bereits getan, indem wir heute hierher gekommen sind, um über die Erinnerung an unsere Vorfahren, über den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die aktuelle Situation zu sprechen. Da liegt die ganze Wahrheit. Die Wahrheit der Kontinuität, die Wahrheit der Verbindungen zwischen Generationen. Und die Kraft, wie man sagt, besteht in der Wahrheit. 

Bildnachweis: © Thomas Stimmel


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