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Omas in Einzelhaft

Last updated on 15. März 2021

Eine Kolumne von Kurt Rohrmoser

Das ist Anni. Ich nenn sie mal so, natürlich heißt sie anders. Anni ist 86 Jahre alt, ist dreifache Mutter, sechsfache Oma und siebenfache Uroma. 

Heuer sind es drei Jahre, dass sie in einem Seniorenheim untergebracht ist. Und heuer sind es auch drei Jahre, dass ihr Mann gestorben ist. Irgendwie war sie trotzdem nie wirklich alleine, bestimmt dreimal in der Woche bekam sie Besuch von irgendeinem Familienmitglied, oder auch zwei oder drei oder sogar fünf gleichzeitig. Manchmal gaben sie sich die Familien der Enkel, oder der Kinder sogar die Klinke in die Hand. Und bei besonderen Gelegenheiten, wenn z.B. der Enkel Geburtstag hatte, wurde auch schon mal auswärts geschlafen.

Nun, seit einem knappen Jahr läuft alles anders. Dank Corona wurde alles anders.

Das Besuchsrecht im Heim wurde mehrmals drastisch geändert: zeitweise nur mit negativem Test und dann noch hinter Scheibe, zeitweise etwas lockerer auch mit negativem Test sogar im Zimmer (da waren Berührungen und Umarmungen sogar erlaubt), zeitweise komplett zugesperrt für Besucher. Ausgangssperre, ja teilweise „Einzelhaft“ in den Zimmern waren auch bisweilen angesagt.

Kurz gesagt: seit einem knappen Jahr kommen Besuche nur noch sporadisch und unter unbefriedigenden Umständen zustande. Da manche der Kinder bzw. Enkel sich beruflich keine positive Testung erlauben können, gehen sie das Risiko eines Testes, der heute so oder so ausfallen kann, nicht ein. Besonders übel sind die Fensteraktionen, bei denen die Enkel mit ihren Kindern, den Urenkeln unten stehen, winken und lt. „Oma“ schreien und die Oma aus dem 1. Stock zurück winkt. Der Schmerz ist oft größer als die Freude bei solchen „Besuchen“.  Drei ihrer Urenkel würden sie höchstwahrscheinlich nicht mal erkennen, für das war der Kontakt in dieser Zeit zu gering. 

Seit November ist Anni mit verschiedenen altersbedingten Gebrechen mit einer kleinen Unterbrechung kurz vor Weihnachten in verschiedenen Krankenhäusern unterwegs. In dieser kurzen Zeit im Heim hat sie zweimal Besuch gehabt, der gemäß den Vorschriften sehr steril ablief. Umarmungen oder einfach nur die eine oder andere Berührung hatte sie schon lange nicht mehr. So im Herbst hatte sie wohl noch mal jemanden umarmt. Sie weiß es nicht mehr genau. Den größten Teil ihrer Familie hat sie seit November nicht mehr gesehen. 

Dieses Bild für den Artikel entstand letzte Woche, als sie eine ihrer Töchter in der REHA-KIinik besuchte. Direkter Kontakt war nicht erlaubt, also winkte Anni aus dem ersten Stock der Klinik aus ihrem Zimmerfenster herunter. Anni ist fast blind, winkt also grob der Richtung der bekannten Stimme ihrer Tochter entgegen, ohne sie wirklich sehen zu können. 

Anni vereinsamt immer mehr. Telefonischer Kontakt alleine reicht nicht.

Sie spricht immer mehr von Depressionen und wird dann von den Ärzten und Schwestern auf das Ende des Lockdown vertröstet. Anni kapiert immer mehr, dass sie dies nicht mehr erleben wird. Sie sehnt ihren Tod herbei, weil das einzige, das ihr Leben lebenswert macht – ihre Familie – nicht da sein kann, nicht da sein darf. Dieses inhaltslose Dahinexistieren, um nicht zu sagen Dahinvegetieren saugt ihr den Lebenswillen aus. In einem Telefongespräch sagte sie mir, sie wäre jetzt gerne ein Hund. Dem darf man wenigstens die Todesspritze geben. 

Ist Anni ein Einzelfall? Ich glaube nicht, ich glaube, es ist die Regel. Es wird gesagt, unsere Senioren müssten geschützt werden. Koste es, was es wolle? Ein Leben zu schützen, das durch die Schutzmaßnahmen jeglicher Freude und damit jedem Lebenswillen beraubt, und somit nur noch ein Vegetieren ist? Lichtblicke sind ein Winken und Schreien in die Richtung der bekannten Stimmen und Gesichter in fünf, zehn oder gar 15 Meter Entfernung? 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.“

So steht es in im Grundgesetz. Ich entdecke hierbei keine Würde mehr. Ich entdecke angesichts der ständigen Lockdown-Verlängerungen nur blanken Zynismus. Und das in diesem Falle den Schwächsten gegenüber, den Verletzlichsten unserer Gesellschaft. Und um den Ganzen noch die Krone aufzusetzen, macht man diesen schutzwürdigsten Mitgliedern unserer Gesellschaft – ihnen haben wir das zu verdanken, was wir heute sind – noch die Hoffnung, dass sich nach der Impfung alles ändert. Ich gehe jetzt in den Wald und mache eine Urschrei-Therapie, sonst zerreißt es mich.

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