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Offener Brief an den Präsidenten der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar – Einleitung

Im Bemühen, die Schleier der Verunsicherung zu durchdringen, die sich seit über 18 Monaten in verstärkter Weise vor das Menschenauge stellen, scheint mir eine innere Bewegung gegeben zu sein, die den Blick von allerlei ablenkenden Nebenschauplätzen, Grabenkämpfen oder Einzelmeldungen, weg von unterschiedlichen Expertenmeinungen und individuell gelagerten Befindlichkeiten immer wieder abzieht, um zu sich zu kommen; und um sich selbst die Frage vorzulegen: wer oder was, welche Instanz in mir oder über mir befähigt mich denn, in diesem undurchdringlich scheinenden Wust an Widersprüchlichkeiten innere wie auch dann äußere Orientierung zu erlangen.

Und mir scheint, wie wenn die Antwort auf derlei Fragen sehr nahe an denen ist, in deren Verarbeitung sich das künstlerisch empfindende Individuum in die Welt stellt.

Es scheint mir aufgerufen (nicht minder wie jedes andere, nur mit dem glücklichen und Verantwortung-gebärenden Umstande, daß es sich solcherart Wahrheitssuche regelrecht zum Berufe machen darf), sich mit einer doppelten Bewegung – einmal in die Detailfülle und Präzision der zu betrachtenden Einzelphänomene untertauchend, dann sich wieder daraus hervorhebend und im Aufschwingen über die Verhältnisse den Adlerblick über das Panorama der Gesamtsituation schweifen lassend – aller begrenzenden Anschauungsweisen schrittweise zu entledigen, aller Bevormundung, aller politischen Agenda, aller Denkvorgaben, ja auch aller Selbsttäuschung, aller Manipulation hin zu angeblich angesagter Konformität oder Denkweisen darüber, ‘was jetzt wie einfach zu gelten habe’, ‘was jetzt wie einfach zu tun sei’.

Ich empfinde diese Herangehensweise als eine wesensverwandte der suchenden gegenüber, die in Erfahrung zu bringen versucht, was denn hinter einer geschriebenen Note das Lebendige, Authentische, das Wahre, Gute und Schöne sei. Wie ich es erkennen könne, wie ich mich damit in lebendigen Austausch und Verbindung bringen könne, und wie ich es schließlich klingend und ausstrahlend in die Welt zu bringen vermöge.

Daß dabei Wissensdurst nicht bei Studien oder prognostischen Tabellen stehenbleiben könne, daß die Suche nach der menschlichen Güte, nach dem Wahren und dem Schönen dabei nicht getrennt voneinander sich erfüllen, nicht in Teilbereiche von Wissenschaft, Politik oder Medien aufzusplitten oder an sie abzugeben sind, sondern die Suche danach jeweils den ganzen Menschen anspricht, ihn einfordert, aber eben in seiner Entwicklung dadurch auch fördert, lehrt uns Goethe:

”Unterschieden ist nicht das Schöne vom Guten, das Schöne ist nur das Gute, das sich lieblich verschleiert uns zeigt.”

Als Wahl-Weimarer, der inzwischen mehr als die Hälfte seines Lebens in diesem wundervollen, beschaulichen Städtchen verlebt hat, sehe ich mich, aber auch uns alle gut gerüstet mit Schätzen, die gerade hier vor unseren Augen und Herzen ausgebreitet sind.
Ich selbst darf als Pianist südlich der Stadt im zauberhaften Schloß Belvedere mich der künstlerischen Arbeit mit jungen Gesangs-Studenten aus aller Herren Ländern widmen.

Gleich wenn ich morgens dort aus dem Bus steige, fällt mein Blick hinüber, auf den nördlichen Hügel jenseits der Senke, in der Weimar liegt; er fällt auf das Mahnmal von Buchenwald.
Zwischen diesen Polen spielt sich mein Weimarer Leben ab (so wie sich Leben immer zwischen den Polaritäten entfaltet), zwischen der Höhe der Kultur, und ja – auch deutscher – Geistesart, die nach wie vor unsere Seelen zu befruchten vermag und dem mahnenden Bildnis, wozu sich auch gerade dieses Volk hat verführen lassen.

Dazwischen, in der Mitte steht das DNT (Deutsches Nationaltheater), in dem eine Verfassung erlassen wurde, deren demokratische Machtbeschränkungs-Versuche nicht dauerhaft trugen, und die

durch stete Aushöhlung und Perpetuierung von Notfallgesetzen sich gegen die Menschen, gegen Minderheiten, gegen Andersdenkende zu richten begann – was schließlich ins Verderben führte. Wiederum vor dieser Mitte jedoch stehen auf dem Theaterplatz in einem Standbild Goethe und Schiller, von denen und deren tiefem humanistischen Menschenbilde und reichem kulturellen Humus, den sie hier und für alle gelegt haben, ich mich beschirmt und innerlich gestärkt fühlen durfte, als ich mit anderen Bürgern dieser Stadt im April letzten Jahres begann, in Kundgebungen und Mahnwachen für freie Meinungsäußerung, für freien wissenschaftlichen Austausch, gegen Spaltung, Bevormundung und Diffamierung auf die Straße zu gehen.

Ich meine, daß wir allein hier in Weimar genügend in die Hände, Herzen und Seelen gelegt bekommen haben, in einer Stadt, in der Bach wirkte, Luther weilte, Goethe und Schiller strahlten, in einer Stadt, in der Rudolf Steiner die ‘Philosophie der Freiheit’ schrieb (ich hielt selten ein besseres Buch in Händen), um innerlich gestärkt und mit neu ausgerichtetem Geist uns den großen Fragen dieses Zeitenumbruchs gewachsen zu sehen.

Denn das ist es – wir stehen in einem Umbruch, und mir scheint, daß man auf etliche der verengenden Tendenzen, sei es in der Vereinnahmung von Wissenschaft, in der Profitgier von Pharma – und Technologie – Riesen, die den Menschen dauerhaft von fragwürdigen Präparaten abhängig zu machen (oder ihn gleich vom homo sapiens zum homo digitalis umzugestalten) gedenken, in der Begrenzung von Meinungsfreiheit, im Unterschlagen von Informationen nur weil sie nicht regierungsgenehm sind, im Ab-Spalten von Teilen der Gesellschaft, die als Gefährder für ihre Mitmenschen abgestempelt werden, im Machterhaltungstrieb eingefleischter Polit-Kader, ja im Bestreben letztlich verschwindend Weniger, die Welt nach ihrem Willen so zu gestalten und aufzuteilen, wie es dann den Vielen als das Beste für sie, also für uns, verkauft wird – daß wir im Blick auf all diese physischen Überrumpelungsversuche, seelischen Geiselhaft-Strategien, geistigen Vernebelungs-Taktiken doch eigentlich Kräften in ihrem eigenen Überlebenskampf beiwohnen, die vielleicht ahnen, daß ihre Tage gezählt sind, weil Welt und Mensch unter dem brutalen Schleier dieser Agonie bereits begonnen haben – und dieser Aufbruch wird gewaltig stark in den Menschen, dem Aufwachen ihres souverän – bürgerlichen wie ihres spirituell und zukunftsschöpferischen Potenziales spürbar – neue Wege der Entfaltung zu suchen, zu finden und zu ergreifen, neue Strukturen aufzubauen ohne die Verkrustungen überkommener Insitutionen, begonnen haben, ein anderes Miteinander zu erahnen, im freien Spiel (wie in Schillers ‘Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen’), in einem Zusammenschluß nicht von oben herab durch staatlich oktroyierte Solidarität oder Zwangsmaßnahmen zum angeblichen ‘Wohle aller’, sondern als eine Gemeinschaft freier Menschen – ‘Iche’, hin zu freierem Sein, geschulterem Bewußtsein, geistdurchlichteterer Denkungsart und unbedingterer Gottes – wie Menschenliebe.

Das Neue ist vielleicht schon da, unter dem Schleier, oder auf dem Wege, geboren zu werden; vielleicht sehen wir noch nicht seine konkrete Gestalt, vielleicht erfühlen wir erst seine Macht, vielleicht haben sich seine keimhaft zusammengefalteten Glieder noch nicht in die Welt erstreckt, und gewiß werden seine ersten Schritte bisweilen tapsig oder unbeholfen wirken.

Kurz – vielleicht wissen wir noch nicht, wie es wird, doch Eines wird das Neue sicher nicht sein – ‘normal’.

Mag der erste Teil des Offenen Briefes noch der Aktualität sowie der Dringlichkeit des Anlasses geschuldet sein, auch etliche der Einzelmeldungen im Bereich der Bestandsaufnahme dieser Krise schon innerhalb weniger Wochen seit ihrem Niederschreiben gegen aktuellere, noch dringlichere oder bestätigende zu ersetzen oder ergänzen sein, so möchte der zweite Teil doch bereits den Blick sowohl in unser Inneres senken als auch in die Höhe erheben zu weitläufigeren Betrachtungsweisen und Anregungen.

Als Musiker weiß ich – alle Töne sind immer da!
Alle Notenwerte sind immer da!
Alle Metren leben immer schon jetzt!
Alle Schwingungen sind immer da, sie schwingen gleichzeitig, ineinander, in überlagernden Wellen.

Es liegt an uns, wohin wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit ziehen, es liegt an uns, was davon wir innerlich resonieren lassen, zu innerem Leben erwecken, was davon wir wie verwandelt in uns, und aus uns heraus, in der Welt zum Klingen bringen.

Download des gesamten Briefes von Veit Wiesler

Beitragsbild: Bildarchiv Frische Sicht © Thomas Stimmel

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Rolf
Rolf
1 Monat zuvor

Danke Herr Wiesler!
Einfach ein anständiges Menschenleben führen – weil man ein anständiges Menschenwesen ist.

Rolf Gräfe

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