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Jemen: Die wegen Corona in Schatten gerückten Verbrechen

Last updated on 29. November 2021

Vor lauter Beschäftigung mit Corona entgehen den meisten Menschen viele Verbrechen von Politikern und Staaten. Deshalb hier noch einmal als Beispiel der Hinweis auf die Verbrechen gegen den Jemen.

Er wird uns als “Bürgerkrieg” verkauft, und ein Präsident, der abgedankt und geflohen war, soll wieder an die Macht gebracht werden. Ein Präsident, der entgegen der Verfassung als einziger Bewerber angetreten war, und nach Ablauf seiner Amtszeit einfach weiter regierte. Natürlich mit dem Plazet der USA, welche das Land mit Waffen überschwemmte, damit die gegen Aufständische eingesetzt werden sollten, nun aber von den Unabhängigkeitskämpfern des Landes gegen die Angreifer eingesetzt werden. Auch mit Terroristen hatte dieser Präsident keine Probleme, solange sie ihm halfen, Aufstände gegen sein Regime zu unterdrücken.

Nun war dieser Präsident also aus dem Land getrieben worden, hatte offiziell abgedankt, war dann aber durch Saudi-Arabien wieder zum offiziellen Vertreter des Landes ernannt worden, denn ohne ihn hatte das mittelalterliche Königreich keinen Einfluss mehr auf den Jemen. Und natürlich waren die USA und Großbritannien eifrig dabei und halfen, die junge Regierung der Nationalen Einheit zurück in das Mittelalter zu bomben, Rivalitäten zu schüren und das Land zu spalten. Und natürlich war auch Deutschland nicht ganz unbeteiligt. Deutsche Waffen sind nun auch im Jemen zu finden, und deutsche Kriegsschiffe helfen dabei, das Land auszuhungern.

Aber wie in Vietnam, wie in Afghanistan, stellt dieses Land der mächtigsten Militärmaschine der Welt einen eisernen Willen zur Unabhängigkeit entgegen. Und alles deutet darauf hin, dass der Jemen, trotz Hungersnöten, der größten Choleraepidemie in der Geschichte, ausgelöst durch die unmenschliche Blockade der angreifenden Koalition, trotz fehlender Luftabwehr, zu einem Vietnam Saudi-Arabiens wird.

Wer mehr über die Geschichte des Landes und den Jemen selbst lesen will, was sicher nicht in dem “politisch korrekten” Wikipedia zu finden sein wird, der mag sich das Buch “Jemens Befreiungskrieg – Und er lebt doch, der Kolonialismus” 1 von Jay Tharappel zu Gemüte führen. Demnächst lieferbar entlarvt es wieder einmal Lügen der Politiker und Verschweigen der angepassten Medien.

Hier ein kurzer Auszug

“Der völkermordende Krieg gegen den Jemen erhält nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient. Über Syrien wird berichtet, weil die Dämonisierung der Zentralregierung ausschlaggebend dafür ist, die Unterstützung für den bewaffneten Krieg gegen sie zu verbergen, während über den Jemen nicht berichtet wird, weil es keine andere Möglichkeit gibt, den Krieg anders darzustellen, als dass Saudi-Arabien dem jemenitischen Volk sagt: “Wenn ihr nicht den von uns für den Jemen gewählten Präsidenten akzeptiert, werdet ihr mit einem Völkermord konfrontiert“.

Bisher bestand die Strategie, um die Aufmerksamkeit auf den Jemen zu lenken, darin, die Jemeniten als hungernde Opfer darzustellen, was Millionen von ihnen sicherlich sind, aber das reicht nicht aus. Die einzige Möglichkeit, wirksame Solidarität mit einem unterdrückten Volk, das um sein Überleben kämpft, zu entwickeln, besteht darin, seine Geschichte zu kennen, eine Geschichte, die auf einen jahrhundertelangen politischen Kampf im Herzen der islamischen Zivilisation zurückgeht.

Der Konflikt wird von den Saudis so dargestellt, wie sie ihn sehen wollen, nämlich als Ausbreitung der iranischen Tentakel auf der arabischen Halbinsel, daher all das Gerede über die “vom Iran unterstützte Houthi-Rebellion“. Dabei wird jedoch außer Acht gelassen, dass der Zaidismus im Jemen viele Jahrhunderte vor der Übernahme des schiitischen Glaubens als Staatsreligion des Iran entstanden ist (der Zaidismus kam im 9. Jahrhundert in den Jemen, der Iran wurde Anfang des 16. Jahrhundert missioniert.)

Diesen aktuellen Konflikt als “Sunniten” gegen “Schiiten” oder “Saudi-Arabien” gegen “Iran” darzustellen, ist ein Verbrechen gegen die Geschichte und löscht die jemenitische Handlungsfähigkeit aus. Im weiteren Verlauf dieses Artikels wird diese Geschichte erörtert, insbesondere im Zusammenhang mit der politischen Identität des Zaidi Islam. Der viel ältere Machtkampf im Jemen dreht sich um die “Houthis”, oder Ansarullah, wie sie offiziell heißen. Sie sind Zaidi-Muslime, die in der politischen Landschaft des Islam gewissermaßen “die Sunniten der Schia und die Schia der Sunniten” sind. Die Zaidis benennen ihre Sekte nach Zaid ibn Ali, einem Nachkommen des Propheten Muhammad, der im Jahr 740 als Anführer einer Rebellion gegen die Umayyaden-Monarchie den Märtyrertod erlitt.

Die Umayyaden mit der Hauptstadt Damaskus waren die Dynastie, welche nach der Ermordung von Zaids Urgroßvater Ali ibn Abi Talib, dem vierten Kalifen des Islam, der nach übereinstimmender Meinung aller Schiiten der unmittelbare Nachfolger des Propheten hätte werden sollen, die Macht im islamischen Reich übernahmen. Im Gegensatz zu den anderen Schiiten erkennen die Zaidis jedoch die Legitimität der ersten drei Kalifen an, ähnlich wie die Sunniten, wobei sie Ali ibn Abi Talib den Vorzug geben, was sie zu Schiiten macht.

Die Umayyaden-Dynastie befürchtete natürlich, dass die Popularität der Nachkommen des Propheten Mohammed durch die Heirat seiner Tochter Fatima mit Ali ibn Abi Talib (der Ahl al Bayt) ihre Legitimität untergrub. Ein Grund für ihre Besorgnis war eine Rede des Propheten, in der er erklärte, dass die Muslime in erster Linie dem Koran und erst in zweiter Linie der Ahlulbayt folgen sollten. Nach Ansicht vieler, sowohl Schiiten als auch Sunniten, bedeutete dies, dass die Umayyaden-Monarchie illegitim war.

Die beiden Söhne Alis, Hasan und Husayn, wurden vom umayyadischen Staat ermordet, ebenso wie fast alle ihre Nachkommen, die in die politische Führung aufstiegen. Selbst friedliche Geistliche, wie Zaids eigener Vater, der bemerkenswerte Asket “Zayn al Abideen” Ali ibn Husayn, wurden auf Befehl der eifersüchtigen und paranoiden umayyadischen Führer getötet. Der aus einer von den Umayyaden verfolgten Familie stammende Zayd ibn Ali erschütterte mit seiner Rebellion im Jahr 740 n. Chr. die Grundfesten der Umayyaden-Dynastie, deren Herrschaft in der schiitischen Geschichtsschreibung oft mit Unterdrückung, Dekadenz und Korruption in Verbindung gebracht wird. Im Gegensatz dazu betont die sunnitische Geschichtsschreibung die beeindruckenden zivilisatorischen Errungenschaften der arabischen Kalifate der Umayyaden- und Abbasiden-Dynastien, die ein “Goldenes Zeitalter” des Wohlstands, der wissenschaftlichen Forschung und der intellektuellen Debatte einleiteten, vor allem, wenn man sie an den Standards der Weltgeschichte misst. 

Zwischen den Umayyaden und dem heutigen Haus Saud lassen sich viele Parallelen ziehen, vor allem, wenn man bedenkt, wie brutal sie die schiitische Bevölkerung behandeln. Die Familie Al Saud stammt aus Najd im Zentrum Arabiens, regiert aber über vier Provinzen, die historisch gesehen zum Jemen gehörten und sehr stark jemenitische Zaidi-Gebiete sind. So wie Palästina ein von “Israel” besetztes arabisches Gebiet ist, sind die Provinzen Baha, Asir, Jizan und Nadschran historisch gesehen jemenitische Gebiete, die von “Saudi“-Arabien besetzt wurden. Für Saudi-Arabien untergräbt die von der Ansarullah-Bewegung angeführte Wiederbelebung der Zaidi daher die eigentliche Legitimität ihres Staates und seiner Grenzen.

Zaid ibn Ali begann in der irakischen Stadt Kufa eine Rebellion gegen die Umayyaden-Dynastie. Durch schiere Waffengewalt und Bestechung besiegten die umayyadischen Armeen jedoch schließlich die Revolutionäre und töteten Imam Zayd.

Zaid ibn Ali wird von allen islamischen Richtungen, einschließlich der Sunniten, als Shaheed oder Märtyrer anerkannt. Tatsächlich erhielt der Aufstand der Zaidis direkte Unterstützung und großes Lob von dem sunnitischen Theologen und Rechtsgelehrten Abu Hanifa, der den Grundstein für die größte theologische Schule innerhalb des sunnitischen Islams, die Hanafi-Schule, legte.

Obwohl Zaids Revolution schließlich niedergeschlagen wurde, löste sie im gesamten islamischen Reich Erschütterungen aus, und mehrere Aufstände und Rebellionen gegen die Umayyaden-Elite hielten jahrelang an. Im Jahr 750 wurde die Herrschaft der Umayyaden durch die “abbasidische Revolution” gestürzt, die durch den Einfluss der zaidischen Revolutionäre ermöglicht wurde. Die Abassiden gelangten durch eine Welle der Unterstützung für die Schia an die Macht, verfolgten die Schiiten jedoch anschließend. Sechs der zwölf Imame, angefangen mit Dschafar al Sadeq, wurden nach schiitischen Quellen auf Befehl der abbasidischen Kalifen getötet.

Die Zaidis werden oft als “die Sunniten der Schia und die Schia der Sunniten” bezeichnet, da sie als eine Art Brücke zwischen dem sunnitischen und dem schiitischen Islam fungieren, wobei sich letzterer oft auf die vorherrschende Zwölferschule bezieht. Die Zaydi-Schule ist jedoch älter als der Begriff “schiitischer gegen sunnitischen Islam“. Zaid ibn Ali wird von den Zaidis als der fünfte Imam angesehen: Er folgt dem Schwiegersohn des Propheten Ali ibn Abi Talib, seinen Söhnen Hasan und Husayn und Husayns Sohn Ali ibn Husayn, während die Zwölfer der Linie von Zaid ibn Alis jüngerem Halbbruder folgen.

Die Zaidis unterscheiden sich von anderen Schiiten dadurch, dass sie Zaid als fünften Imam anerkennen, da Zaid einen älteren Bruder namens Muhammad al-Baqir hatte. Da die zaidische Lehre jedoch besagt, dass die Rebellion gegen ungerechte und korrupte Herrscher eine heilige Pflicht der Muslime ist, wählten sie stattdessen den eher revolutionär gesinnten Zaid zu ihrem Imam.

Die Zaidis glauben wie andere Schiiten, dass das Imamat von einem Nachkommen des Propheten Muhammad aus der Ehe zwischen seiner Tochter Fatima und Ali ibn Abi Talib ausgeübt werden muss. Die Zaidis behaupten jedoch, dass jeder der Nachkommen (der den Ehrentitel Sayyid trägt) in dieses Amt gewählt werden kann, wenn er eine Liste von Kriterien erfüllt, aufrechter und rechtschaffener Muslim ist und eine ausreichend große Anhängerschaft um sich scharen kann, um ins Amt gewählt zu werden.

Was die Zaidis letztlich mit der schiitischen Auffassung der islamischen Geschichte verbindet, ist der Glaube, dass Muslime die Pflicht haben, sich gegen ungerechte Herrscher aufzulehnen, ein Konzept, das im Arabischen als khurruj bekannt ist.

Der sunnitische Islam war historisch gesehen die Religion des Staates, was nicht unbedingt schlecht ist, wenn man bedenkt, dass die islamischen Reiche Zentren relativen Wohlstands und sozialen Fortschritts waren, verglichen mit der Rückständigkeit des mittelalterlichen Europas. Der schiitische Islam hingegen ist aus den Lehren der Familie des Propheten Mohammed und seiner Nachkommen (oft Imame genannt) hervorgegangen, die von denselben islamischen Reichen verfolgt wurden, die von den Sunniten wegen ihrer ansonsten beeindruckenden zivilisatorischen Errungenschaften wohlwollend betrachtet werden, vor allem, wenn man sie am Maßstab der Weltgeschichte misst.

Das soll nicht heißen, dass die Schiiten nie politische Macht besaßen. Nach dem Sturz der Umayyaden verbreitete sich der revolutionäre Eifer der Schia in allen Teilen des islamischen Reiches. Von Marokko, wo die schiitischen Idrisiden 788 die Macht übernahmen, über die Rustamiden in der nordiranischen Provinz Tabaristan bis hin zur jahrhundertelangen Herrschaft der Schiiten im Wüstengebiet der arabischen Halbinsel. Tatsächlich waren die Scharifs (Hüter) von Mekka und damit auch der Ka’ba selbst jahrhundertelang Zaidis.

Der Zaidi-Islam war viele Jahrhunderte lang eine äußerst einflussreiche schiitische Schule. Erst viel später, nach dem Aufstieg des (zwölferschiitischen) Safawidenreichs im Iran im 16. Jahrhundert und dem Vordringen des (sunnitischen) Osmanischen Reichs in der arabischen Welt, verlor die zaidische Denkschule einen Großteil ihres Einflusses.

Der Jemen war bei weitem die Region, in der der Zaidi Islam den größten Einfluss hatte. Über tausend Jahre lang (897 – 1962 n. Chr.) wurde der Jemen größtenteils von einem zaidischen Imamat regiert, das schließlich 1962 durch einen republikanischen Armeeputsch gestürzt wurde. Der erste Imam des Jemen, Al-Hadi ila’l-Haqq Yahya, war nicht in den Jemen eingedrungen oder hatte ihn erobert, sondern wurde von der örtlichen Bevölkerung als Herrscher eingeladen. Er vertrat eine Theologie, die das rationale Denken als letzte Instanz für die Festlegung des Rechts förderte. Anstelle eines typisch mittelalterlichen monarchischen Nachfolgesystems wurde das zaidische Imamat durch eine Form der theokratischen Demokratie regiert, bei der alle Stämme darüber abstimmten, wer von den Ahlulbayt ein würdiger Imam sein würde. …”

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