Gedanken zur aktuellen Rassismusdebatte in Deutschland.

 Afrodeutscher Musiker, 36 Jahre aus München (Der Name ist der Redaktion bekannt)

„As far as I’m concerned …“, das wäre der passende Einstieg auf Fragen zur aktuellen Rassismusdebatte, die auch mir derzeit immer wieder gestellt werden. Wenn die Fragenden wissen wollen, wie es mir denn mit dem Thema ginge, scheinen sie davon auszugehen, dass ich in zweifacher Hinsicht betroffen bin.

Das ist in gewisser Weise richtig. Die Meldungen aus den USA machen mich betroffen. Vielleicht stärker als hellhäutige Menschen, denn ich habe mich von Kindheit an auf besondere Weise mit Schwarzen identifiziert, mich zu einer Art großer Familie zugehörig gefühlt. Schwarze Musiker, Sportler und Schauspieler waren besondere Rollenvorbilder, die mich, deutschen Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, in meiner optischen Andersartigkeit bestärkt haben.

Dieser Bezug hat an Wichtigkeit verloren. Dazu trägt auch die Erfahrung bei, die ich mit knapp 30 Jahren während meines ersten Aufenthalts in Schwarzafrika gemacht habe: Für die Menschen dort bin ich nämlich weiß, ich wurde an jeder Straßenecke durch Rufen darauf hingewiesen. Es war ein unangenehmes Gefühl.

In Deutschland gelte ich für viele Leute als schwarz, obwohl ich braun bin, einer von den „Light-Skinned People of Colour“. Ein Begriff, den ich letzte Woche erstmals gehört habe. Lange Zeit war „Mischling“ für mich das passende und ein völlig unproblematisches Wort.

Gerade Menschen mit meiner Hautfarbe fallen mir nun verstärkt in den Medien auf. Sie werden zu den Vorfällen in den USA befragt und zu ihren Erlebnissen mit Rassismus in Deutschland. Wenn ich diese Beiträge wie andere Beiträge ohne weitere Tiefenrecherche aufnehme, ergibt sich für mich folgender Eindruck: Auch Light-Skinned People of Colour fühlen sich in Deutschland zur schwarzen Bevölkerung gehörig, denn sie erfahren beinahe täglich mehr oder minder subtile, oft aber auch offene Anfeindungen in Form von behördlichem wie auch Alltagsrassismus. Sie sind also direkt persönlich betroffen, und zwar oft so sehr, dass das Thema in ihrem Leben ständig präsent zu sein scheint. Und das, obwohl Menschen wie David Mayonga sprachlich nicht von weißen Bayern zu unterscheiden sind. Die Interviewten mahnen eine gesamtgesellschaftliche, aber auch individuelle Auseinandersetzung mit Rassismus an, die längst überfällig sei. Aus Malcolm Ohanwes Beitrag für Spiegel Online (nachzulesen hier: https://www.spiegel.de/kultur/kritischesweisssein-aufruf-von-malcolm-ohanwe-zur-selbstreflexion-weisser-leute-a-2892bccb-2971-40c7-a272-4224ebe0d48b) lese ich heraus, dass Schwarze permanent mit ihrem Schwarzsein konfrontiert sind, psychisch darunter leiden und mit Schmerz konfrontiert sind. Er fordert alle Weißen auf, sich kritisch mit ihrem Weißsein auseinanderzusetzen, sich einmal so massiv mit ihrer Hautfarbe zu konfrontieren, wie es Schwarze gezwungenermaßen tun müssen, bis hin zu der Fragestellung, was ihre Existenzberechtigung als Weiße in dieser Gesellschaft sei.

Ich lese diese Beiträge und stelle verwundert fest, dass ich mich kaum darin wiederfinde, obwohl ich mit gleicher Hautfarbe unter ähnlichen Umständen in Deutschland aufgewachsen bin. Wie kommen diese Unterschiede zu Stande? Habe ich einfach nur Glück gehabt und bin bisher bei Behörden und rassistischen Mitmenschen durch’s Raster gefallen?

Mir fällt auf, dass ich tatsächlich viel weniger Vorfälle berichten kann und diese offenbar anders bewerte. Ich bin in der Öffentlichkeit nie von der Polizei kontrolliert worden. Halt, doch, zweimal im Zug nach Dresden. Ich saß allein im Abteil, ob außer mir noch jemand kontrolliert wurde, weiß ich nicht. Mein erster Gedanke: „Ach ja, Schleierfahndung im Grenzgebiet.“ Und einmal auf der Autobahn, als Beifahrer in einem klapprigen VW mit wenig vertrauenerweckendem weißen Fahrer. Diese Erklärung hat mich nicht weiter über dieses Thema nachdenken lassen.

Hänseleien und Beleidigungen bezüglich meiner Hautfarbe kenne ich natürlich. Einen rassistischen Biologielehrer hatte ich auch. Mit diesen Dingen war ich aber nie allein konfrontiert, es gab immer Menschen, die mich als Person und in der Sache unterstützt haben. Für mich stellt sich rückblickend aber die Frage, wie Hänseleien unter Kindern einzuordnen sind. Für mich passt der Rassismusbegriff hier nicht. Es geht in diesen Fällen um optische Merkmale, die gegen eine Person verwendet werden: Der lange Schlaks, die Dicke, der Stotterer, die Rothaarige. Kaum jemand kommt in dieser Hinsicht unbeschadet durch die Kindheit, die Erscheinungsformen reichen je nach Gruppenkonstellation von gegenseitigen Veralberungen bis hin zu schwerem Mobbing. Doch im einen Fall soll der/die Betroffene Opfer von Rassismus, einem etablierten und eventuell sogar strafrechtlich relevanten Sachverhalt sein, während es im anderen Fall keinen gewichtigen Begriff gibt? Ich finde das nicht fair den eben genannten Personenkreisen gegenüber und auch ein wenig gefährlich, wenn Menschen sich das Recht herausnehmen, Vorwürfe gegen sie pauschal mit Rassismus zu begründen, obwohl Herkunft oder Hautfarbe in der Sache überhaupt nicht relevant sind. Mir persönlich hat die nicht aggressiv gemeinte Bemerkung, ich hätte eine große Nase, in der Kindheit wesentlich mehr beschäftigt als alle Sprüche zu meiner Hautfarbe.

Die mir im Erwachsenenalter widerfahrenen rassistischen Anfeindungen kann ich an einer Hand abzählen. Diese Beleidigungen fielen allerdings immer in Auseinandersetzungen. In diesen Situationen zeugen Begriffe wie „Neger“ oder „Schlitzauge“ für mich aber nicht von akutem Rassismus, sondern von der recht hilf- und niveaulosen Verhaltensweise, die offensichtlichen optischen Merkmale des Gegners zu diffamieren. Ein „Du Fettsasck!“ von mir und wir wären in der Hinsicht wieder quitt. Ich halte es für wichtig, hier zu unterscheiden. Für mich ist Rassismus die pauschale Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe.

Deshalb tue ich mir auch mit weiteren Aussagen schwer, die ich in der letzten Zeit gehört habe. Deine eine betrifft den Begriff des „positiven Rassismus“. Aussagen wie „Du hast Rhythmus im Blut.“ oder „Schwarze haben einfach schöne Muskeln.“ schmeicheln mir einerseits, berühren mich aber auch peinlich, denn sie stimmen nicht unbedingt und sind auch nicht eindeutig an meiner Herkunft festzumachen. Ein Problem im Sinne der oben genannten Rassismusdefinition sind diese Zuschreibungen aber auf jeden Fall nicht.

Ich kann nur für mich sprechen und merke, dass ich gegenüber jedem Menschen aufgrund seines Aussehens sofort Vorstellungen parat habe. Die können in der Regel das ganze Spektrum von positiv bis negativ abdecken, je nachdem, wie sympathisch mir mein Gegenüber auf den ersten Blick ist, beziehungsweise wie ich mich selbst gerade fühle. In diesen Vorstellungen sind auch herkunftsbezogene Aspekte enthalten, über „die Türken“, „die Italiener“, „die Asiaten“. Dass „die Deutschen“ nicht vorkommen liegt daran, dass ich hier lebe und feiner differenzieren kann: „Die Oberbayern“, „die Ostfriesen“, „die Schwaben“. Vielleicht wäre es gut, diese Denkmuster abzustellen, ich kann mir nur nicht vorstellen, wie das gehen soll. Und solange die Vorstellungen nicht zu Vorurteilen werden, negative Bilder nicht zu Voreingenommenheit führen und die Vorstellungen mit weiteren Informationen über das jeweilige Individuum korrigiert werden können, sehe ich kein Problem darin. Auf jeden Fall ist mir der Begriff „positiver Rassismus“ für eine wohlwollende Zuschreibung von Eigenschaften zu negativ konnotiert. Er impliziert außerdem für mein Gefühl, dass dadurch vergleichbare Folgen für die Betroffenen entstünden.

Die beste Möglichkeit, um sich von Vorstellungen über andere zu lösen, ist aber doch der direkte Kontakt, Fragen, Interesse! Ich fühle mich dabei nicht zur Auskunft verpflichtet, ich kann verweigern, dass mir jemand in die Haare fassen darf (beileibe kein Alleinstellungsmerkmal von Dunkelhäutigen; Weißen mit Naturlocken oder Dreads passiert das meiner Beobachtung nach genauso und mit dem gleichen Maß an Respekt oder Respektlosigkeit). Ich merke aber, wie ich zum Verständnis beitragen kann, wenn ich in Dialog gehe. Diesem überdrüssig zu sein, halte ich für problematisch, vor allem, wenn Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern und Kulturen bei uns leben. Es gilt auch für Schwarze, mit diesen Personen in Austausch zu kommen. Ich kann daher nicht verstehen, wenn andere People of Colour von Fragen genervt sind und das Gefühl haben, sich gezwungenermaßen erklären oder gar ihre Existenzberechtigung erbringen zu müssen. Schon gar nicht möchte ich sie im Zuge einer grimmigen Gerechtigkeit dazu auffordern, sich möglichst originalgetreu in die schlimmstmögliche Lage schwarzer Menschen zu versetzen.

Ich empfinde meine dunkle Hautfarbe nicht als Stigma, denn ich bin mir ihrer die meiste Zeit überhaupt nicht bewusst.

Das wäre womöglich anders, wenn ich berufliche oder private Benachteiligungen erfahren hätte. Stattdessen kann ich gegenteiliges aus meinem Bereich der Musikbranche und „der Gesellschaft“ an sich berichten: Ich wurde bereits für explizit bayerische-heimatlich anmutende Bühnenproduktionen angefragt, in denen ich als einziger Dunkelhäutiger möglicherweise recht deplatziert gewirkt hätte. – den Veranstaltern war’s egal. Ich habe mehrfach vor freiwillig wie unfreiwillig anwesenden Menschen zwischen 8 und 80 Jahren aus Bayern und Österreich unterrichtet und ihnen erklärt, wie sie „ihre“ Volksmusik zu spielen haben – es kamen nie Beschwerden.

Natürlich sehe ich die rassistischen Übergriffe und rechtsextreme Tendenzen in Deutschland mit Sorge. Auf keinen Fall will ich anderen dunkelhäutigen Menschen ihre schlimmen Erfahrungen mit Rassismus absprechen. Das macht mich betroffen. Aber ich bin einer von denen, die selbst nicht wirklich betroffen sind. Und daher rührt wohl mein Unverständnis, dass nun in Deutschland eine Debatte zu vornehmlich gegen Schwarze gerichteten Rassismus geführt wird. Erstens halte ich die Situation in Deutschland und den USA überhaupt nicht für vergleichbar. Zweitens scheint mir durch die aktuelle Debatte der Fokus zu verrutschen. Jetzt äußern sich vor allem studierte, in Deutschland aufgewachsene Dunkelhäutige zu ihren Erfahrungen. Viel bedrückender und präsenter muss der Rassismus meinem Empfinden nach seit Jahren für Menschen muslimischen Glaubens, Nordafrikaner und Geflüchtete aus dem Nahen Osten sein, die mit dem Vorurteil kämpfen müssen, möglicherweise islamische Terroristen oder Vergewaltiger zu sein. Das macht mich wirklich betroffen.

Hierzu an dieser Stelle zwei Beispiele: In einer Veranstaltung im kirchlichen Rahmen stellt sich eine junge Muslima aus Spanien den Fragen von Christen und wird von einem Mann im Verhörston zu Inhalten aus dem Koran und ihre Meinung dazu befragt. Ob Christen, noch dazu diesen Alters, Antworten auf analoge Fragen zu Bibelinhalten hätten?

Vor einiger Zeit gehe ich an drei Menschen, meiner Vermutung nach aus Südosteuropa stammend, vorbei, als ein Polizeibus neben uns hält und eine Polizistin ruft, wir sollten stehen bleiben. Als ich der Aufforderung nachkomme und sie fragend ansehe, meint sie nur: „Nicht Sie.“

Was mir aktuell fehlt, ist eine gleichwertige Auseinandersetzung mit anderen Formen der Diskriminierung. Viele Beiträge sind analog zu den Geschehnissen in den USA am Thema Rassismus gegen Schwarze aufgehängt. Für Bereiche wie die Oper und die Frage, warum schwarze Sänger*innen seltener besetzt werden ist meiner Meinung nach nicht das Thema Rassismus entscheidend, sondern die Tatsache, dass hier Geschichten mit einem Weltbild inszeniert werden, das aus dem 17.-19. Jahrhundert stammt. Ich bin nur Laie in dieser Thematik, aber in diesem Weltbild scheint mir jede*r minderwertig zu sein, der/die nicht weiß, abendländisch-christlich, männlich, ohne Behinderung und von hohem Stand ist. Ich sehe also vor allem Kolonialismus, Sexismus und Patriarchat als prägende Formen der Diskriminierung und Gründe, warum nicht nur schwarze, sondern auch Sänger*innen mit diversen anderen „unpassenden“ optischen Merkmalen in  Inszenierungen zumeist das Nachsehen haben. Skandalös empfinde ich daran vor allem, dass gewisse Kreise in der Kulturszene dieses Weltbild offenbar nach wie vor als hehres Erbe preisen (anders kann ich die Reaktionen von Mitgliedern der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in der Causa Siegfried Mauser nicht deuten) und ein Teil des Opernpublikums in ähnlich reaktionärer Weise originalgetreue Inszenierungen einfordert.

As far as I’m concerned … soweit es mich betrifft, wünsche ich mir eine Umkehrung des derzeitigen Prozesses: weniger pauschale „Rassismus“-Label und anschließende Analyse der vielen Aspekte in einem Topf, sondern erst eine klare Differenzierung und Einordnung und dann eine Gesamtansicht zum Thema Diskriminierung in der Gesellschaft. Vielleicht habe ich es aber auch einfach nicht verstanden? Ich freue mich auf Diskussionsbeiträge.

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Thomas Stimmel ist international tätiger klassischer Sänger, Kunstfotograf, Journalist und Publizist. 2020 gründete er das unabhängige Presseportal Frische Sicht, welches dem Verlag und Label ars vobiscum angegliedert ist.

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