Die Autorin Kathrin Feldmann beschreibt in einer dreiteiligen Kolumne ihren Neustart im Tinyhouse. Die Krise als Chance.

Seit 17 Tagen lebe ich nun im Wagen.

In 31 Stunden beginnt 2021.

Nur 50 Meter sind es bis zum nächsten Wohnhaus.

Zeit ist relativ: eine Stunde kann ewig dauern oder im Nu vergehen.

Entfernung ist es ebenso: einem 1000 Kilometer Entfernten kann man sich näher fühlen als dem, der einem gerade gegenüber sitzt.

Die Konstrukte, die meine Welt noch vor Kurzem zusammenhielten, bröckeln sanft vor sich hin und werden als Parameter, mich selbst auf der Zeit-Achse zu verorten, immer unbrauchbarer.

Der Moment, das Hier und Jetzt halten mich im Koordinatensystem meines Lebens, und die Menschen, die mir nahe stehen.

Diese erste Zeit im Wagen war bestimmt von einer Langsamkeit, die mich, völlig entgegen meiner Natur, verspätet zu Terminen erscheinen ließ, so dass ich nun, vor allem morgens, inzwischen 20 Minuten mehr einplane. Ich führte es zunächst darauf zurück, dass ich nicht mehr auf meine gewohnten Handgriffe zurückgreifen kann, doch nach genauerer Betrachtung sind es meine Bewegungen, die langsamer werden, und ein stilles Innehalten immer wieder, ein Blick auf den Horizont, an dem sich die Fichtenspitzen wie Scherenschnitte im Abendgold abzeichnen, an die Formen der Eisblumen auf meinem Fenster, den Duft von feuchtem Wintergras mit einem Hauch Kuhstall, den ich kurz in mich einsickern lasse.

Meine Handlungen brauchen weit mehr Achtsamkeit als bisher: je sorgfältiger ich das Holz um den Anzünder schichte, desto nachhaltiger brennt das Feuer in meinem Ofen. Will ich verhindern, dass die meinen Waschplatz umgebenden Wände vollgespritzt werden, muss ich mir viel sanfter das Gesicht waschen. Ebenso verhält es sich mit dem Umfüllen des Wassers vom Großbehälter in meine Karaffe. Abends schon den gefüllten Wasserkessel auf den Ofen gestellt, habe ich morgens ganz von selbst heißes Tee- oder Abspülwasser. Räume ich das, was ich benötigte, gleich wieder an seinen Platz, bleibt mein nur 16 Quadratmeter großer Wagenraum übersichtlich und klar. Esse ich langsamer und bewusster, verteilen sich die Brotkrümel nicht auf meinem Teppich, bereite ich mein Essen bedächtig zu, muss ich danach weniger putzen, striegele ich Hund und Katze regelmäßig, ertrinke ich nicht in Tierhaaren, laufe ich vorsichtig durch den Matsch auf dem Weg zu meinem Wagen, verdrecken die Stufen hinauf und der Vorraum nicht.

Ich nehme mir die Zeit, öfter tief durch zu atmen, meinen Ziegen- und Kuhnachbarn oder meiner Katze ein paar Male über ihr Winterfell zu streifen, so halte ich besser meine innere Balance. Denn hier ist es mir nicht möglich, mich in die heiße Wanne zu legen, wenn ich zurück ins wohltemperierte zu Hause komme, dann vielleicht auf die Couch vor den Fernseher, wenn ich abtauchen möchte vor mir selbst. Kehre ich zurück in meinen Wagen, sind es etwa 100 Meter vom Autoparkplatz bis zum Wagen, der Weg führt am Kuhstall vorbei und an Büschen und Salatbeeten und Wiesen. Neues Holz vom Stapel holen, Feuer im Ofen machen, immer wieder Nachlegen, Asche und Holzspäne ausfegen, Wasserkanister auffüllen, da im Winter wegen Frostgefahr der Wasserschlauch abgedreht ist. Mein Kühlschrank ist ein Korb, der an der Außengarderobe im Vorbau hängt, ich muss darauf achten, dass sich keine Mäuse daran gütlich tun. Ich besitze eine Außendusche. Wenn der Wasserschlauch in Betrieb ist, drücke ich nur auf zwei Knöpfe, die den mit einer Gasflasche verbundenen Durchlauferhitzer aktivieren, so dass ich warmes Wasser habe. Wenn ich jetzt duschen möchte, muss ich zunächst Wasser auf dem Ofen erhitzen, um anschließend damit einen Behälter zu füllen, der zum Duschkopf führt.

Doch waschen geht auch einfacher: nach dem Aufstehen befeuere ich den Ofen, jogge noch bettwarm über die Wiese zum Teich gegenüber, seife mich ein und spring ins kalte Nass.

Seit zwei Jahren bade ich im Winter. Nur in Gedanken ist es unmöglich, so etwas zu tun. In Wirklichkeit gilt es tief ein zu atmen vor dem Untertauchen, um das Herz zu stärken, sofort ziehen die Kapillargefäße sich zusammen, so dass die Kälte kaum zu spüren ist, und wenn man wieder auftaucht, hat der Körper bereits seine Wärmepumpen aktiviert. Für mich gibt es kaum ein wohligeres Gefühl, als nach dieser Wasserumarmung in frischen Kleidern den Tag zu beginnen. Immer empfinde ich Glück und Dankbarkeit und neuen Mut nach so einem Bad.

Zurück im Wagen ist es warm und das Teewasser heiß.

Drängt es mich nach Badewanne, darf ich diese bei meinen nur wenige Schritte entfernten Freunden genießen, oder ich fülle einen großen Trog mit heißem Wasser und bade darin in oder vor meinem Wagen.

Schon nach so wenig Zeit gibt es nur wenig, was mir noch selbstverständlich erscheint:

Warmes Wasser aus dem Wasserhahn erfüllt mich mit kleinem freudigen Staunen. Fußbodenheizung, wohltemperierte Toilette – ich besitze eine wunderbare Außenkomposttoilette -, mehrere Zimmer, die man wechseln kann, Esstisch mit Stühlen drumherum, große Auswahl an Geschirr und Töpfen, üppig und übersichtlich gefüllter Kühlschrank, Waschmaschine…

Angrenzend an meinen Wagenplatz befindet sich eine Wohnsiedlung.

Nur eine Minute und 100 Meter entfernt.

Einfamilienhäuser stehen neben schmucken Reihenhäusern mit Vorgärten, Carport und Radschuppen, Mülltonnen davor.

Hier spielt das Leben sich in Bahnen ab, die bis vor Kurzem noch die meinen waren. Viele Familien leben hier, es gibt mehr oder weniger geregelten Alltag, beruflich wie privat, alles ist einfach und praktisch handzuhaben – doch – macht all dies glücklicher?

Wenn ich abends durch die Siedlung laufe, einen Blick in die erleuchteten Wohnzimmer werfend, empfinde ich Zufriedenheit. Kein Bedauern.

Ich werde an meinem Lebensende wissen, wie sich kleine Eisschollen im Winterteich auf nackter Haut anfühlen, und wie all die notwendigen alltäglichen Handgriffe, die ich hier zum Leben tätigen muss, mich mit Sinn erfüllen, auf den ich so unmittelbar und prompt in meiner voll durchorganisierten vorherigen Lebensweise nicht zurückgreifen konnte.

Und doch ist nicht zu vergessen: Ich habe die Wahl dieses Leben wieder einzutauschen gegen das normal Übliche. Die Entscheidung liegt bei mir. Ein Luxus, auf den nicht Jeder zurückgreifen kann.

Doch gibt es nicht diese Wahl, so gibt es eine andere. Und so lehrt mich diese Zeit, inmitten der gegenwärtigen absurden Begrenzungen von Außen, Zweifel und Bedenken gegen Mut, Vertrauen und Unmittelbarkeit zu tauschen, um mein Leben in einer Freiheit zu gestalten, deren Ausmaß ich selbst bestimmen kann.

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Mit nun beinahe 50 und als Mutter zweier bald volljähriger Kinder, war mir als Musikerin - Sängerin, Pianistin, Akkordeon, Percussion - Ende März 2020 klar, dass musizieren in gewohnter Art und Weise lange nicht mehr stattfinden würde können. So freue ich mich über die Möglichkeit hier zeitweise mitzuwirken.

Als Musikpädagogin und Darstellerin leite ich Musikkurse für Kinder, sowie Workshops und Seminare rund um das Thema Stimme und Darstellung, ua. an der LMU MÜnchen.

Seit 2015 leite ich als Heilpraktikerin Psychotherapie und Traumatherapeutin eine eigene Praxis "Cantharsis", in der ich hauptsächlich musik- bzw. singtherapeutisch arbeite.

Neben diesen beiden Standbeinen verfasse ich als freie Journalistin Texte, Rezensionen, Interviews für diverse Zeitschriften der Kulturbranche und moderiere vereinzelt eigene  Radiobeiträge.

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