Ein neues Leben auf der Almhütte

Es gibt wenig, was Detlef Wildenheim noch nicht gemacht hat.

Bereits als Kind verdiente sich der gebürtige Nordrheinwestfale mit diversen Jobs ein Taschengeld. Gelernt hat er nach dem Abitur das Druckhandwerk, doch schon bald schwang er sich auf der Karriereleiter immer weiter nach oben, arbeitete als Unternehmer und Berater für diverse Firmen, siedelte 2003 mit seiner Familie in den Osten des Münchner Umlandes, wo er sich als CSU – Mitglied im 2. Bürgermeisteramt für seinen Wohnort engagiert.

Doch dann kam Corona und die damit einhergehenden Sparmaßnahmen seiner Firma beendeten sein Beschäftigungsverhältnis.

Der passionierte Bergsteiger zögerte nicht lang und bewarb sich, zusammen mit seiner Frau, kurzerhand als Pächter für das Bodenschneidhaus, in dem er inzwischen seit Oktober 2020 lebt und die Bewirtschaftung für den bisherigen Pächter übernommen hat.

Die Konkurrenz gegen die er sich nun in diesen dem Gastgetriebe abgeneigten Zeiten durchsetzen muss, schläft nicht, und so versucht er alles, um bis zur endgültigen Entscheidung zur Pachtübernahme durch die DAV Sektion Bodenschneid das Geschäft glänzen zu machen und zu lassen.

Gelangt man nach etwa 2 Stunden Fußmarsch über den letzten Wiesenbuckel auf die Alm, so wird man von Schildern empfangen: „Herzlich Willkommen. 7 Tage die Woche geöffnet. Täglich von 11 bis 16 Uhr.“ Nähert man sich weiter, lädt die Speisekarte zu Spezialitäten wie Kaspressknödelsuppe, Gulaschsuppe, Chili con carne, Käsespätzle und Weiterem ein, selbst gemachter Kaiserschmarrn als Krönung – alles im Moment natürlich „To-Go“. Aus einer Feuertonne lodern Flammen und spenden so während der Wartezeit wohltuende Wärme. Speisen und Getränke werden mit aufmunterndem Lächeln durch das Fenster gereicht, so viel entspannte, charmante Freundlichkeit lassen sie gleich noch besser schmecken.

Ich hatte nach meinem zweiten Besuch das Glück in der urgemütlichen Stube bei Ofenfeuer mit Detlef zu sprechen:

KF.: Wie kamen Sie auf die Idee, sich als Hüttenwirt zu bewerben?

D.: Im Januar letzten Jahres lernte ich den Besitzer der Maxlrainer Alm kennen, wir kamen ins Gespräch, unsere Hunde verstanden sich gut, und so habe ich dort zunächst immermal ein bisschen ausgeholfen, im Ausschank, in der Küche.

Als sich dann mit Corona auch mein Leben schlagartig veränderte, stand ich am Scheideweg und fragte mich, in welche Richtung es gehen könnte. Nachdem ich schon immer gern in den Bergen unterwegs war, gestattete ich mir nun, nach Einsparungsmaßnahmen in meinem bisherigen Betrieb und an die 200 vergeblichen Neubewerbungen, den Gedanken, hier einen neuen Lebensplan zu erproben – früher wäre mir alleine ein solcher Gedanke vollkommen abwegig vorgekommen, als Familienvater mit Karrierewunsch, stets unterwegs in der Welt und positiven Verdienstaussichten. 

Ich erfuhr, dass der bisherige Pächter des Bodenschneidhauses im November aufgrund der durch die Coronamaßnahmen hervorgerufenen Schwierigkeiten der Bewirtung das Handtuch schmeißen wolle, bewarb mich auf die Ausschreibung mit Pachtbeginn Juli 2021 bei der entsprechenden Sektion des Alpenvereins und bin nun seit 1. November mit meiner Frau am Platz. Nun gilt es, die Sektion davon zu überzeugen, dass wir nach Pachtende des vorherigen Pächters kommenden Juli die Zusage der Sektion zur endgültigen Übernahme bekommen.

Das Besondere ist sicherlich dabei, dass wir – meine Frau kommt aus der Hotel- und Gastrobranche, ich allerdings ja eher aus der betrieblichen – gerade jetzt einen solchen Neuanfang wagen, wo es doch gerade in diesem Bereich immer schwerer wird.

Perfekt ist natürlich die doch überschaubare und doch wenn‘s läuft lukrative Größe: 48 Betten, Plätze innen und im Biergarten und die Nähe zu München, wo meine Frau und Tochter während der Woche leben.

KF.: Wie sieht es im Moment wirtschaftlich aus?

D.: Nachdem wir noch ein weiteres Standbein haben – wir vermieten durch unsere Firma my-wohni Wohnwägen, doch auch das steht ja nun still – sieht es eigentlich normalerweise ganz gut aus. Doch im Moment zahlen wir jeden Monat drauf. Wir bekommen kein Gehalt und nützen diese Zeit, um uns vor der Sektion zu bewähren. So ist das Wichtigste im Moment: das Essen muss passen, auch jetzt im To-Go Betrieb mit all den Maßnahmen, die Atmosphäre muss so sein, dass die Leute gerne wiederkommen. Doch wenn das Wetter besser wird, der Biergartenbetrieb wieder anläuft, die Inzidenzzahlen runter gehen, dann bin ich bester Hoffnung, dass wir schnell wieder aus den roten Zahlen kommen.

KF.: Gibt es besondere Herausforderungen, im Moment und auch sonst?

D.: Natürlich. Wir müssen immer abwägen, dürfen ja niemanden auf die Toilette lassen, keinen nahen Kontakt haben – und da gibt es immer wieder Fälle, in denen man einfach menschlich bleiben muss, wenn es Jemandem schlecht geht oder sonstige Dringlichkeiten nicht anders zu lösen sind.

Und dann ist auch zu sehen, dass man sich organisiert, wirtschaftlich handelt, was bedeutet, dass ich bei normal laufenden Betrieb mir nicht zu schade sein darf, auch die Toiletten selbst zu putzen oder die Gästezimmer zu reinigen, gleichzeitig zu schnippeln und Speisen auszugeben und zusätzlich auch sonst für die Gäste da zu sein. Ich bin also 7 Tage die Woche hier, kümmere mich darum, dass die Wege in Ordnung sind, bei Schnee spure ich manchmal mehrmals täglich die Schlittenstrecke.

KF.: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation, die gerade ja auch die Gastro in die Knie zwingt?

D.: Man hätte längst Expertenrunden bilden müssen, um ein Konzept zu erarbeiten, damit nach dem ersten Lockdown, in sicherer Erwartung des zweiten, die Hoffnungslosigkeit nicht überhand nimmt. Überall wurden Hygienemaßnahmen aus eigenen Mitteln verwirklicht, Spritzschutz etc.

In den 7 Monaten zwischen den beiden Lockdowns hätte man längst nach Erfahrung des ersten Vorkehrungen treffen müssen: Gesundheitsleute aufstocken und ausbilden, bessere Arbeitskonditionen schaffen, Gehälter der Krankenpfleger anheben, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Man hätte in Riem Intensivbetten aufstellen können, das Messegelände steht leer. Stattdessen wurden Krankenhäuser dicht gemacht, weil das Gesundheitssystem kaputt gespart wurde. Mit denselben Kapazitäten sind sie in den zweiten Lockdown gegangen, gleichzeitig wird das Geld an anderer Stelle zum Fenster rausgeschmissen. Jetzt erst kommen all die Insolvenzen, die Arbeitslosen, die daraus resultieren, müssen bezahlt werden, die Insolvenzbetriebe zahlen keine Steuern mehr.

Und nun droht Merkel mit dem Lockdown bis Ende März. Wer soll denn das noch bezahlen?

In der Gastro gab es so gut wie keine Coronaherde, die Nachverfolgungen haben funktioniert, überall wo Hygienekonzepte geklappt haben, zum Beispiel auch in Fitnessstudios, muss geschlossen werden. Die Herde sind aktuell die Altenheime, hier hätte man investieren müssen.

7 Monate lang wurden die Computersysteme an den Schulen nicht optimiert, zumindest bekommen die Schulen iPads.

Eine geschiedene Freundin hat 3 Kinder und muss plötzlich 120 Seiten ausdrucken, jedes Kind braucht einen eigenen Computer und einen eigenen Raum, alle brauchen Hilfe, und sie sagt, dass sie‘s einfach nicht hinbekommt.

KF.: Wie kann es weiter gehen?

D.: Man muss ein Konzept erarbeiten, wie man die Wirtschaft langsam wieder hochfahren kann, die kleinen und mittleren Betriebe.

Wenn das so weiter geht, werden Familien kaputt gehen, Existenzen zerstört, Suizide begangen werden. Es braucht unbedingt einen Silberstreif am Firmament. Stattdessen gibt es immer nochmal eins obendrauf. Inzidenz 200: das muss doch ordentlich aufgeschlüsselt werden, wo die Fälle herkommen. Wenn 80 davon im Altenheim zu finden sind, kann man doch nicht die ganze Region abriegeln. Das ist ja, wie wenn man im Wald einen Brandherd hat, aber den ganzen Wald abriegelt und bewässert, anstatt gezielt den Brand zu löschen.

KF.: Wie lässt sich das erklären?

D.: Die Politiker sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Es gibt kein Patentrezept. Auch das Impfkonzept wird nicht aufgehen. Die Leute werden sich nicht alle impfen lassen. Letztlich ist es ja auch einfach eine Frage der Eigenverantwortlichkeit und Demokratie.

Die Schäden, auch in der Autoindustrie, werden sich viel später zeigen. Wer kauft schon ein Auto mit einem Kurzarbeitergehalt.

Ein früherer Kollege von mir sagte, wenn er sich so intensiv mit der Sache beschäftigen würde wie ich, könnte er nicht mehr schlafen. Genauso läuft es in der Politik. Wenn es so weiter geht, dann wird es sehr schwierig werden.

Schon die Römer wussten: das Volk braucht Brot und Spiele. Und nun gibt’s keine Spiele, Vereine sind zu, Kinder sind zu Hause, und Brot wird an mancher Stelle auch nicht mehr verdient.

So eine Stimmung im Volk, ohne das Konzept einer Bundesregierung, ist der Beweis der Hilflosigkeit. Die Wahlen im September werden das wohl wiederspiegeln.

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Mit nun beinahe 50 und als Mutter zweier bald volljähriger Kinder, war mir als Musikerin - Sängerin, Pianistin, Akkordeon, Percussion - Ende März 2020 klar, dass musizieren in gewohnter Art und Weise lange nicht mehr stattfinden würde können. So freue ich mich über die Möglichkeit hier zeitweise mitzuwirken.
Als Musikpädagogin und Darstellerin leite ich Musikkurse für Kinder, sowie Workshops und Seminare rund um das Thema Stimme und Darstellung, ua. an der LMU MÜnchen.
Seit 2015 leite ich als Heilpraktikerin Psychotherapie und Traumatherapeutin eine eigene Praxis "Cantharsis", in der ich hauptsächlich musik- bzw. singtherapeutisch arbeite.
Neben diesen beiden Standbeinen verfasse ich als freie Journalistin Texte, Rezensionen, Interviews für diverse Zeitschriften der Kulturbranche und moderiere vereinzelt eigene  Radiobeiträge.

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