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Ein Jahr Kulturlockdown

Die Gesellschaft mag für einige Zeit auf kulturelles Leben verzichten können, aber tut sie es zu lang, könnte am Ende niemand mehr da sein, der es wieder aufleben lassen könnte.“Das schrieb ich vor einem Jahr, am 11.03.2020, in den Text meiner Petition „Hilfen für Freiberufler und Künstler während des #Corona-Shutdowns“. Zeit für eine Jahresbilanz.

Die Misere begann spätestens mit der Pressekonferenz von Jens Spahn am 09.03.2020, in der er folgende fatale Aussagen machte:
„Auf was können wir eine Zeit lang verzichten, über mehrere Wochen, über mehrere Monate, und auf was können wir schwerer verzichten? Es ist – aus meiner Sicht jedenfalls – sicher leichter, auf ein Konzert, einen Clubbesuch, ein Fußballspiel zu verzichten, als auf den täglichen Weg zur Arbeit, oder darauf, dass die eigenen Kinder im Kindergarten oder in der Schule tagsüber betreut sind, wenn man selbst möglicherweise berufstätig ist und eben auf diese Betreuung angewiesen ist.“

Damit war das Narrativ gesetzt: Kultur ist verzichtbar, die unzähligen Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, sind implizit nicht als „berufstätig“ anzusehen, haben deshalb auch keinen „täglichen Weg zur Arbeit“ – sie sind aus Sicht des Bundesgesundheitsministers (des Mannes, der im Rahmen der Pandemie-Ausrufung zu weitreichendsten Befugnissen ermächtigt wurde) nicht relevant genug, um ihren Dienst an der Gesellschaft als unverzichtbar einzuschätzen. Folgerichtig war die Kultur die erste Branche, die in ihrer Gänze vom Lockdown getroffen wurde: „first out“. Die Bühnen des Landes mussten schließen, Festivals und ganze Aufführungssaisons wurden abgesagt. Im Land der Dichter und Denker stand das kulturelle Leben, laut Richard von Weizsäcker „der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert“, wohl zum ersten Mal in der Geschichte still. Tausende Kreative, deren Dienste tagtäglich wie selbstverständlich konsumiert und genossen wurden und werden (in Form von Musik, Theater, Schauspiel, Literatur, bildender Kunst, Film, Zirkus, Kabarett, Comedy uvm.) und jederzeit als höchst willkommen gelten, waren nicht nur von einem Tag auf den anderen mit einem staatlich verordneten De-facto-Berufsverbot belegt, sondern standen auch über Nacht vor den Trümmern ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Zunächst bestand jedoch Hoffnung, denn die Minister Altmaier (Wirtschaft) und Scholz (Finanzen) zückten die „Bazooka“, versprachen: „Wir lassen unsere Unternehmen in der Krise nicht allein“. Milliardenschwere Hilfspakete wurden in Aussicht gestellt. Man rühmte sich seines schnellen und großzügigen Handelns. Ausdrücklich adressiert wurden dabei auch Solo-Selbstständige, Freiberufler, Kultur- und Kreativschaffende, und im Ausland schaute man voller Bewunderung auf die scheinbar umfassende Unterstützung der Kultur in Deutschland. Nur angekommen ist davon monatelang so gut wie nichts, man handelte nach dem Motto: die beste Soforthilfe ist die, die die Öffentlichkeit von ihrer Wirksamkeit überzeugt, aber die Staatskasse möglichst wenig belastet. 

Aber man spricht ja nicht umsonst auch von der „Kreativwirtschaft“. Nimmt man der Kunst die Bühne, sucht sie sich eine neue. In diesem Fall vorrangig die virtuelle: Onlinekonzerte und Streamingangebote schossen kurz nach dem ersten Lockdown-Schock ins Kraut, man machte aus der Not eine Tugend, wollte der Welt zeigen, dass man noch da ist, und man sorgte – vielleicht auch mit einem gewissen Drang zur Selbstlegitimation – zugleich dafür, dass einem nicht die Decke auf den Kopf fiel ob des jäh geleerten Kalenders. Was zunächst vollkommen nachvollziehbar ist, oftmals spannende, teils ungeheuer kreative Ergebnisse zutage fördert und mitunter auch auf tragikomische Weise private Einblicke ermöglicht, hat allerdings gleich mehrere Haken.

Zum einen im Hinblick auf den Wert der Kunst. Vieles ist nun kostenlos online verfügbar, und die Künstler zeigen dem Publikum an den heimischen Bildschirmen, dass sie ihre Arbeit trotz aller Widrigkeiten auch weiterhin einer kulturbedürftigen Allgemeinheit zur Verfügung stellen – was aber jetzt möglich ist, warum sollte man dafür “post coronam” wieder zahlen? Dass unsere Kulturstaatsministerin diese massenhafte (und teilweise auch Urheberrechte ignorierende) Abwanderung ins Netz begrüßt, ist dabei ein weiterer irritierender Mosaikstein im ganzen Bild.

Zum anderen stellt sich recht schnell die Qualitätsfrage, denn auch das aufwendigst produzierte Online-Konzert ist nur so gut, wie die Hardware des Empfängers – ganz zu schweigen von den vielen in heimischen Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmern mit teils “haushaltsüblichem” Equipment aufgenommenen Videos. Auch geht mit nahezu jeder Übertragung eine gewisse Komprimierung einher, die sich langfristig auf unsere Hör- und Sehgewohnheiten auswirkt.

Nicht vergessen werden darf zudem, dass viele dieser Angebote im Netz ihre Wirkung vor allem aus dem status quo beziehen, aus der nichtvorhandenen Möglichkeit des gemeinsamen Agierens an ein und demselben Ort und der damit verbundenen Sehnsucht nach eben diesem, aus dem Zurückgeworfensein auf sich selbst in seinem privaten Umfeld, aus dem umfassenden Fehlen fast sämtlicher kultureller Veranstaltungen in der Offline-Realität, und aus dem Totalverlust der Interaktion mit einem real vorhandenen Publikum durch wechselseitige Blicke, Gesten, durch Wahrnehmung einer im Moment erwachsenden Atmosphäre und durch das Reagieren auf all das.

Mag also das Ergebnis noch so hochwertig oder gar anrührend sein, letztlich wird es niemals an die Synergien eines echten Live-Events heranreichen. Der beste und kreativste Online-Auftritt kann die pure Realität, die physische Begegnung, das gemeinsame Er- und Durch-Leben im unmittelbaren Moment nicht ersetzen, das untrennbarer Teil einer Live-Veranstaltung ist und diese erst zu dem Gesamterlebnis macht, das so geschätzt und nun so vermisst wird. 

Im Sommer gab es deshalb auch ein kurzes Aufatmen, einen Silberstreif am Horizont, beispielsweise in Form von Open-Air-Varianten, von mutigen Veranstaltern, die viel Geld, Schweiß und Herzblut in ausgeklügelte Hygienekonzepte investierten, um nicht nur dem Publikum wieder Live-Erlebnisse zu ermöglichen, sondern auch wenigstens einen Teil der Künstler und Kreativen auf die Bühnen des Landes zurückzuholen. Mit dem Mut der Verzweiflung und zum Teil auch mit einem gehörigen Maß an Selbstausbeutung öffnete man unter Minimalauslastung, um Präsenz zu zeigen und das Gefühl des Agierens zu erzeugen.

Zugleich verstärkten sich aber auch die Appelle an die Bundes- und Landesregierungen. Zwar war meine Petition, der sich fast 300.000 Unterzeichner anschlossen, tatsächlich wohl die allererste zu diesem Thema und wurde nach zähem Ringen im Juni sogar dem Bundeswirtschaftsministerium übergeben. Aber sehr schnell bildeten sich mehr und mehr Interessengruppen neben den bereits etablierten wie z.B. dem VGSD oder der Abteilung Selbstständige in ver.di:

  • Stumme Künstler“ demonstrierten ab Mitte Mai zunächst in Dresden, später bundesweit.
  • Die „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“ formierte sich, führte öffentlichkeitswirksame Aktionen v.a. in Berlin durch, und stellte umfangreiche Informationen zu den aktuellsten politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten zusammen und online zur Verfügung.
  • Die Aktion „Kultur erhalten“ gab unzähligen Betroffenen ein Gesicht und mediale Präsenz.
  • Das Aktionsbündnis „AlarmstufeRot“ initiierte Ende Juni zunächst die „NightOfLight“, die bundesweit für Aufmerksamkeit durch in rotes Licht getauchte Kulturorte sorgte. Im September – nachdem der Bundestag endlich aus seiner selbstverständlich wie üblich stattfindenden parlamentarischen Sommerpause zurückgekehrt war – folgte dann die erste Großdemonstration in Berlin mit tausenden Teilnehmern und enormer medialer Reichweite.

All das bewirkte aber, man muss es leider so deutlich sagen, herzlich wenig Greifbares seitens der entscheidenden Politiker. Im Gegenteil: ungeachtet aller ausgeklügelter Hygienekonzepte in Kultur, Gastronomie, Tourismus etc., ungeachtet der klaren Positionierung und teils konkreter Strategiepapiere der Oppositionsparteien FDP, Grüne und Linke, und trotz des Zusammenschlusses unzähliger Betroffener zur zweiten Großdemonstration „#AlarmstufeRot“ Ende Oktober in Berlin, wurde zeitgleich mit diesem kollektiven Hilferuf und in Sichtweite des Kanzleramts ebenda ein sogenannter „Lockdown Light“, gültig ab November, beschlossen. Diese Bezeichnung allerdings kann nur als blanker Zynismus bezeichnet werden, denn sie bedeutete nichts anderes als die Absage aller Veranstaltungen, das handstreichartige Hinwegfegen aller bewährten und nachweislich funktionierenden Hygienekonzepte, die Missachtung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich des Fakts, dass die betreffenden Branchen nicht entscheidend zur Virusverbreitung beitragen, kurz: einen vollständigen Kultur-Lockdown. Und während die zahlreichen Demonstranten dank Live-Ticker gleichsam in Echtzeit ohnmächtig ihrer erneuten „Irrelevanz-Erklärung“ entgegensehen mussten, hielt es Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, nicht für nötig, die wenigen Meter aus ihrem Büro zur Bühne am Brandenburger Tor auf sich zu nehmen und „ihrer“ Branche wenigstens symbolisch zur Seite zu stehen. Sie befand sich damit allerdings in guter Gesellschaft mit den Herren Altmaier und Scholz, die beide ebenfalls die Einladung zu persönlicher Redezeit verstreichen ließen.

Und Armin Laschet, Teilnehmer des rechtlich äußerst fragwürdigen Gremiums Ministerpräsidentenkonferenz, hatte ohnehin schon zuvor den eingangs zitierten rhetorischen Fauxpas von Jens Spahn mit folgender vielsagender Einordnung wiederholt (PK vom 16.10.2020): „Und wir bitten da alle um Verständnis, dass in dieser ernsten Lage, wenn wir Schulen offenhalten wollen, KiTas offenhalten wollen, das wirtschaftliche Leben offenhalten wollen, alles, was den Freizeitbereich betrifft, eingeschränkt werden muss, und wenn uns das gelingt, wenn wir die Kurve verflachen, dann sind auch wieder Zeiten da, wo man auch Freizeitaktivitäten unternehmen kann.“ 

Seit November befindet sich die Kultur, als „Freizeitaktivitäten“ abgewertet und nicht zum „wirtschaftlichen Leben“ gehörend, also im neuerlichen Lockdown, nun schon über 4 Monate – viele Betroffene gar seit über einem Jahr, denn wirklich „ans Netz“ gegangen ist die Branche seit März 2020 nie wieder. 

Und während für Millionen Menschen wie selbstverständlich seit Beginn der Ausrufung des Pandemie-Falls Kurzarbeitergeld fließt (es sei ihnen von Herzen gegönnt!), gibt es für Millionen andere Menschen, die davon aufgrund ihrer Berufswahl nicht profitieren können, den generösen Verweis auf die Grundsicherung, besser bekannt als „Hartz IV“, begleitet von immer neuen Ideen der staatlichen „Hilfen“. Auf die Soforthilfe folgte die Überbrückungshilfe, gefolgt von der Überbrückungshilfe II, der Novemberhilfe, Dezemberhilfe, Überbrückungshilfe III bzw. Neustarthilfe – to be continued? Deren jeweilige Passgenauigkeit jedoch wurde bereits thematisiert: sie ist quasi kaum gegeben, was auch die vergleichsweise geringe Abrufrate erklärt. Einige Bundesländer legten immerhin eigene Hilfsprogramme auf; manche davon sind sogar recht positiv zu bewerten (Baden-Württemberg beispielsweise hat anerkannt, dass auch Solo-Selbstständige Lebenshaltungskosten benötigen), andere wiederum verdienen die Bezeichnung nicht (in Sachsen beispielsweise gab es nur Kredite und Darlehen). Neben allen grundsätzlichen Unwägbarkeiten gilt demnach auch noch die Gnade oder Ungnade des Wohnortes – aber galt die Kleinstaaterei nicht eigentlich als zurecht überwunden?

Die Novemberhilfe – aus meiner Sicht ein geschickt eingesetztes, neu erdachtes Mittel, mit dem man sich Protestverzicht gegenüber dem „Lockdown light“ erkaufte, da es im unmittelbaren Zusammenhang mit diesem angekündigt und eine schnelle, unbürokratische und wesentlich pragmatischere Umsetzung versprochen wurde – markiert zwar einen vorsichtigen Umschwung, da es sich hierbei zum ersten Mal um ein Instrument handelt, was überwiegend passend zu sein scheint. Allerdings geht die Auszahlung allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz erneut äußerst schleppend voran (um die rbb-Abendshow zu zitieren: „Es hat ja niemand gesagt, welcher November.“). Selbiges gilt für die Dezemberhilfe und die Neustarthilfe bzw. Überbrückungshilfe III. Weshalb sich mir die Frage stellt: sind dies nicht viel mehr Brotkrumen, die nun gönnerhaft verteilt werden, mithin nur eine neue Volte im Repertoire der ministeriellen Taschenspielertricks? Meint man wirklich, das Ruder herumreißen zu können mit diesen vergleichsweise niedrigen Beträgen in Anbetracht der schieren Dauer der Krise, des Berufsausübungsverbots? Erkauft sich der Staat damit nicht vielmehr das Schweigen vieler Betroffener, einem Kidnapper gleich, der dank des Stockholm-Syndroms bei seinem mürbe gewordenen Opfer mit dem kleinsten Entgegenkommen Dankbarkeit auslöst?

Aber zurück zum Zustand der Kultur. Wir stehen jetzt, zum traurigen Jubiläum, an einem Punkt, an dem meine Befürchtung, es könnte am Ende niemand mehr da sein, der sie wieder aufleben lassen könnte, allmählich Realität zu werden droht.

Unzählige Zuschriften, die ich dank meiner Petition erhielt, führen  mir die Verzweiflung, die absolute Perspektivlosigkeit ebenso deutlich vor Augen wie die Berichte aus dem Bekanntenkreis über berufliche Neuorientierung (und damit Abwanderung aus der Branche) oder gar über „Totalverluste“: manch einer weiß offenbar keinen Ausweg mehr

Schon werden erneut große Festivals abgesagt, während die staatlichen Häuser sich seit Monaten zwar auf eine Minimal-Öffnung vorbereiten, aber immer von einer erneuten Verschiebung bedroht sind. Die katastrophalen Auswirkungen der politischen Maßnahmen treffen inzwischen mit voller Wucht auch die gesamte Gastronomie- und Hotelbranche, die Tourismusindustrie, große Teile des Einzelhandels – übrigens allesamt Branchen, die mit der Kultur und Veranstaltungswirtschaft in vielfältiger Weise wirtschaftlich verquickt sind. 

Da die Hoffnungen derzeit fast ausschließlich auf Impfungen und auf einer inflationären Teststrategie, auf neu entwickelten Apps und immer weiter verfeinerten Hygienekonzepten ruhen, die allesamt am Ende aufgrund eines wieder gestiegenen und ohnehin kaum aussagekräftigen Inzidenzwertes doch wieder obsolet zu werden drohen, fehlt überdies eine verlässliche Perspektive, die für echte Zuversicht sorgen kann. Zwar werden vereinzelte Pilotprojekte zu einem eventuellen „Neustart“ initiiert, zeigen Studien und selbst Veröffentlichungen des Robert-Koch-Instituts, dass es hinsichtlich eines Infektionsrisikos kaum einen sichereren Ort gibt als eine Kulturveranstaltung, aber zu Angst und Mutlosigkeit bei den verantwortlichen Politikern (die den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer gar zu der einem Offenbarungseid gleichenden Aussage trieb: „Das entscheidet nicht die Politik, sondern das Virus.“) gesellt sich fatalerweise seit langem ein gewisser Starrsinn, der verhindert, dass eine Abkehr des seit Monaten eingeschlagenen Wegs des Schließens und Verbietens in Aussicht steht. Das Resultat ist Depression, Hoffnungslosigkeit, Stillstand – und „Stillstand ist der Tod“ (Herbert Grönemeyer). Es ist geradezu ein Menetekel, dass ein sich selbst als Kulturnation verstehendes Land wie Deutschland mit seinen Maßnahmen die Kultur auf Jahre hinaus zu schädigen und nach dem „first out“ ein „last in“ droht. Wer wird dann noch zum „Wiederaufbau“ zur Verfügung stehen?

Außerdem stellen sich noch Fragen ganz anderer Art. Sollen etwa Konzerte, Festivals, Kinos, Theater- und Opernaufführungen künftig nur noch Geimpften offenstehen, wie es beispielsweise der Konzertveranstalter und Tickethändler CTS Eventim fordert? (NB: Diese Firma hat sich derzeit mit der Koordination der Impfterminvergabe ein neues Geschäftsfeld erschlossen, das halte ich in diesem Zusammenhang für erwähnenswert.) Wollen wir uns wirklich vor jeder Art des Soziallebens mittels Test unsere Ungefährlichkeit bescheinigen lassen und so eine neue „Gesundheits-Elite“ schaffen, in der Publikum und Ausführende nur noch aus „Nicht-Gefährdern“ bestehen dürfen – und alle Anderen ausschließen? Widerspricht das nicht dem Geist des Grundgesetzes, der Kunst- und individuellen Freiheit, den allgemeinen Grundrechten, und zudem ganz eklatant der grundlegenden Anlage des Menschen als durch und durch soziales Wesen?
Soll das wirklich die Zukunft sein, die vielbemühte „neue Normalität“? Wollen wir tatsächlich in auf ein Höchstzeitmaß gekürzten Veranstaltungen weit voneinander entfernt und maskiert sitzen, auf Pausengespräche und -getränke verzichtend Kultur konsumieren wie eine Vorabendserie? Kann man Kultur als Tagesordnungspunkt auf diese Weise gleichsam „abarbeiten“, und viel wichtiger: wird das der Kultur, der Kunst eigentlich noch gerecht? Kann man auf solche Weise noch mit allen Sinnen genießen, und kann Kunst, so rezipiert, eigentlich noch in die Tiefen unserer Seelen vordringen, im wahrsten Wortsinne not-wendig sein, uns gewissermaßen zum „seelischen Brot“ werden? 

Ich träume jedenfalls davon, dass Angst, Hoffnungslosigkeit und Stillstand enden. Ich träume davon, dass schon bald wieder ganz normale Konzerte und Theateraufführungen stattfinden, vor vollen Rängen – und mit Publikum, dessen Reaktionen man an den ganzen Gesichtern ablesen kann. Ich träume von Gelassenheit in jeglicher Hinsicht – und von der Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, welche Risiken jeder Einzelne einzugehen bereit ist. Vor allem aber träume ich davon, dass die Kultur wie Phoenix aus der Asche steigt; dass das, was uns derzeit allen fehlt, dazu führt, dass wir es umso mehr genießen – als Ausübende ebenso wie als Rezipierende; dass der Stellenwert von Kultur, den Richard von Weizsäcker vor genau 30 Jahren in seiner Rede so trefflich auf den Punkt brachte, wieder neu in den Köpfen der Politik-Entscheider Wurzeln schlägt; dass dies dazu führt, dass aus Sonntagsreden, Beteuerungen und warmen Worten endlich konkrete und verlässliche Taten werden, die der Kunst und Kultur in ihrer enormen Vielfalt und allen, die sie aktiv betreiben, zu neuer Blüte verhelfen; und dass möglichst alle in der Kulturbranche Beschäftigten der Kunst gewogen und erhalten bleiben können und – um im Bild zu bleiben – der Wind unter den Flügeln des Phoenix sein können.

Im vergangenen Jahr schloss ich jede einzelne Rundmail an alle Petitionsmitzeichner mit einem Segenswunsch und der Aufforderung: bleibt zuversichtlich! Und das soll allen düsteren Aussichten zum Trotz auch am Ende dieser Rückschau stehen: bleibt zuversichtlich! Gerade jetzt braucht dieses Land, brauchen die Menschen, die seit über einem Jahr in permanentem Ausnahmezustand und in Alarmbereitschaft leben, Hoffnung, Erbauung, Zerstreuung im besten Sinne, Rekreation und Ermutigung. Wir sind diejenigen, die mit unserer Kunst dafür sorgen können, und wir dürfen uns, selbst wenn wir gegensätzlicher Meinung sein sollten über die uns umgebende Situation, nicht spalten, nicht gegeneinander aufwiegeln oder gar ausspielen lassen. Kunst und Kultur sind in all ihrer Vielfalt der Kitt, der uns verbindet, und genau darin liegt unser gemeinsamer Nenner, unsere Stärke. Eine Stärke, der Zuversicht innewohnt und die in Freiheit mündet, wenn wir erkennen: wir müssen nicht systemrelevant sein, sondern wir sind grundsätzlich relevant, vollkommen unabhängig von dem System, was uns umgibt. Wir sind gesellschaftsrelevant, wir stellen den „geistigen Boden“! Höchste Zeit, dass dies die heutige Politikergeneration (wieder) lernt…

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