Buchprojekt Still, Life: Es ist die Geschichte einer Heilung, eines Neuanfangs.

Transformation, Wiedergeburt.

Sich neu er-finden, sich wiederfinden. Sich wieder sehen und sehen lassen.

Eine Fotografin, die die Sicht auf sich selbst wiederfinden möchte und sich dafür dem aufmerksamen und teilnahmsvollen Blick anderer Fotografinnen anvertraut.

Sie lässt sich betrachten und beschreiben, um so eine mögliche, eigene Vision von sich wiederzuerlangen.

Die Suche nimmt immer neue Formen an und verdichtet sich zu einem intensiven gemeinsamen Erleben dessen, was es bedeutet, Veränderung hinzunehmen und das Wunder des Lebens zu erfahren.

Das Projekt Still, Life (Arbeitstitel) basiert auf einer persönlichen Erfahrung: mit 42 bin ich an Brustkrebs erkrankt. Auf die Operation folgten 16 Zyklen Chemotherapie, zwei Wochen Psychiatrie, sieben Wochen Bestrahlung und schließlich drei Wochen Rehabilitation.

Fünfzehn Monate, in denen mein Leben wie still steht, fünfzehn Monate, die ich in einer Blase verbringe, in der ich kaum etwas sehen kann. Ich verliere das Gefühl für die Zeit. Sie scheint nur mehr strukturiert durch die Wiederkehr der Therapien.

Ich erkenne meinen Körper nicht wieder. Langsam entferne ich mich von ihm.

Mein Aussehen unterliegt nun einer rätselhaften Dynamik, der ich weder folgen noch sie kontrollieren kann.

 Mein Psychiater hat irgendwann bemerkt, dass ich jedes Mal, wenn er mich sieht, die gleiche Kleidung trage.

Und während bei mir die Chemotherapie dazu führt, dass ich an Gewicht verliere, nimmt meine Zwillingsschwester an Gewicht zu: sie ist schwanger, endlich, zum ersten Mal. 

Damit beginnt eine seltsame Parallele, wie wir sie in unserem Leben als eineiige Zwillinge bisher nicht kannten, und in der ihr Glück mein Gefühl des Verlustes noch steigert.

Aber dieses Buch soll nicht meine Krankheit erzählen, sondern vielmehr das Dokument einer Heilung werden, ein Zeugnis davon, wie das Leben zurückkommt.

Meine eigene Erfahrung ist nur ein Ausgangspunkt, um zu beleuchten, was alle Frauen verarbeiten müssen, die an einem Tumor erkranken. Die Angst während des Weges, die Schwierigkeit, seinen eigenen Körper nach den Therapien wieder anzunehmen, die Anstrengung, die es kostet, die Krankheit endlich hinter sich zu lassen und sich dem Leben erneut zu öffnen.

Als ich den schwersten Teil der Behandlung zu Ende gebracht habe, spüre ich, dass ich mich langsam der Welt wieder zuwenden kann.

Meine Haare sind immer noch nicht mehr als ein leichter Flaum, und doch weiß ich, dass ich einen enormen Etappensieg erreicht habe.

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Aber wer bin ich geworden?Ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr die Frau bin, die ich vorher war.

Aus diesem Grund habe ich sieben Fotografinnen gefragt, ob sie mir helfen wollen, ein Bild von mir zu machen.

Ich stelle mich vor den Spiegel ihrer Augen.

Jede mit ihrer ganz eigenen Bildsprache, tragen sie auf künstlerische und menschliche Art dazu bei, dass ich nach und nach zu mir zurückfinde. Sie erzählen von meinem Körper, von der Welt, die mich umgibt, von den Dingen, die zu mir gehören.

Mein neues Ich nimmt Form an.

Einige der Frauen, die mich porträtieren, kenne ich gut, als Kollegin oder sogar Freundin. Andere habe ich mir ausgesucht, weil sie so ganz anders arbeiten als ich es tue, oder weil ich ihre Arbeit schon immer von weitem bewundert habe.

Ausgerechnet die Fotografin, die Aktfotos von mir machen wird, Stephanie Gengotti, hatte ich noch nie persönlich kennengelernt. Um ehrlich zu sein, war ihr Name vor allem als der einer Konkurrentin bei einem Kunden aufgetaucht. Sie hatte dann den Job übernommen, den ich selbst jahrelang gemacht hatte. Bei unserem ersten Treffen wusste ich daher nicht recht, was ich zu erwarten hatte, vielleicht würde eine Rivalität zu spüren sein, die es unmöglich machte, eine so intime Arbeit zusammen zu realisieren. Das Gegenteil war der Fall. Es fühlte sich an, als kannten wir uns seit Jahren, und als wir uns das zweite Mal trafen, diesmal bei ihr zu Hause, konnten wir die Arbeit schon beginnen, ganz ohne Scheu.

Mit manchen Fotografinnen konnte ich an verschiedenen Tagen arbeiten, manchmal musste dagegen alles in einer Sitzung funktionieren. Viola Pantano, die früher meine Assistentin gewesen war, hatte sich ein Set ausgedacht, das uns – bei grossem logistischen Aufwand – nur kurz zur Verfügung stand: ein Busdepot, das unserer Geschichte als Bühne dient, einer Geschichte, in der ich selbst von den Ereignissen erfasst werde wie von einem Sturm, und die doch gleichzeitig neue Chancen aufzeigt. Mein Koffer ist aufgesprungen, alles, von dem ich meinte es zu besitzen, ist plötzlich in Gefahr. Sicherheiten werden in Frage gestellt, die Welt wie ich sie vorher kannte, löst sich auf.

Als ich am Nachmittag nach Hause fahre, erreicht mich im Auto die Nachricht, dass meine geliebte Oma ein paar Stunden zuvor gestorben ist, genau zu dem Zeitpunkt, während ich im „Sturm“ Modell stehe. Dass sie nicht mehr sehr lange leben würde, war uns allen in der Familie klar, und dennoch ist die Nachricht an diesem Tag ein Schock. 

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Krankheit, Schmerz, Verlust bedeuten immer Veränderung, und oft sind ihre Folgen wie die einer Revolution.

Viola schickt mir ihr fertiges Werk nach einigen Wochen. Dazu ihre Nachricht: „Jetzt wissen wir auch, welche Bedeutung die Lichtstrahlen haben, die ich während des Shootings gar nicht bemerkt habe“.

Ich möchte meine Erfahrung mit anderen teilen, die sich wie ich ihr Leben zurück erkämpfen müssen und neu anfangen.

Für mein Buch habe ich eine Journalistin, eine Schriftstellerin und eine Psychologin um ganz persönliche Beiträge gebeten. Zusammen mit den Fotografien fügen sie sich zu einem Projekt, dessen Botschaft sich an all diejenigen richten möchte, die eine ungewollte Transformation erleben mussten. 

Ich wünsche mir, dass die Bilder von Hoffnung und neuem Bewusstsein erzählen und den Betroffenen Mut machen.

Mir gefällt das Bild, das sich durch die italienische Ausdrucksweise ergibt:“La Vita prende il sopravvento“. Das Leben gewinnt die Oberhand. Das Leben, das nicht nur über die Krankheit siegt, sondern das unser Dasein mit neuem Leben bereichert. In meinem Fall geschieht das durch die Ankunft meiner kleinen Nichte, der Tochter meiner Zwillingsschwester. Ella wurde Anfang August geboren, da bin ich noch mitten in der Chemotherapie und in der der Depression. Zu Weihnachten erst würde ich sie kennenlernen. Aber was für ein bedeutungsvolles Weihnachten das wurde! Meine Oma konnte das Baby Ella da noch kennenlernen, bevor sie einen Monat später von uns ging. 

Ich selbst werde kinderlos bleiben. Die Chemotherapie hat daran auch ihren Anteil. 

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„La Vita prende il sopravvento“.Das Leben gewinnt die Oberhand.

Umso bedeutender ist für mich die warme, Freude spendende Präsenz meiner kleinen Nichte, auch wenn ich meine Zwillingsschwester und ihre Familie nur etwa zweimal im Jahr sehe. Sie leben in Kanada, ich in Europa. Die weltweiten, tiefgreifenden Veränderungen, die die Corona-Pandemie mit sich gebracht hat, verschärfen unsere Lebenssituation nun noch einmal und geben uns neue Fragen auf. 

Während wir uns täglich in Videotelefonaten sehen und uns gegenseitig an unseren Leben teilnehmen lassen, malen wir uns ein Wiedersehen aus. 

Ella weiss schon, was sie mit mir und mit Oma und Opa spielen wird.

Buchprojekt 

Still, Life

Fotografien von Camilla Borghese, Francesca Catastini, Stephanie Gengotti, Simona Ghizzoni, Sara Palmieri, Viola Pantano, Annette Schreyer, Cristina Vatielli.

Texte von Chiara Gamberale, Claudia de Lillo, Francesca Belgiojso, Birgit Schreyer Duarte u.a.

Das Buch wird im Verlag Postcart Edizioni erscheinen.

© Alle Recht bei den Künstlern

Annette Schreyer: https://annetteschreyer.com/

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