Bei historischen Ereignissen ein “gern gesehener Gast”: Ralph T. Niemeyer

Der 1969 in Bonn Bad Godesberg geborene Journalist hat in seinem Leben mehrmals Situationen erlebt, die Mut erfordern. In der BRD groß geworden, ist er noch 1988 freiwillig in die DDR ausgewandert, hat einige Jahre seines Lebens in den USA, Russland und Venezuela verbracht, hat Staatsstreiche miterlebt und mitgestaltet und kennt – aufgrund seiner journalistischen Arbeit – manchen Mächtigen dieser Welt persönlich. Der überzeugte Sozialist und Marxist ist, wie er selbst sagt, bei historischen Ereignissen immer mal wieder durchs Bild gelaufen. Das macht den Vater von fünf eigenen und zwei adoptierten Kindern heute eher gelassen, wenn er berufsbedingt in den Kriegsgebieten im Jemen in Zusammenarbeit mit der UN Wasserprojekte durchführt.

Andrea Drescher: Ihre journalistischen und politischen Aktionen hier darzustellen, würde den Rahmen des Interviews geringfügig sprengen. Konzentrieren wir uns auf ein paar „Highlights“. Wie kommt man dazu, mit sechzehn Helmut Kohl und Petra Kelly zu interviewen?

Ich war Anfang der 80er Jahre als Gymnasiast des Pädagogiums Otto Kühne Schule (kurz: ‘Päda’) in Bonn – Bad Godesberg begeistert in der Friedensbewegung aktiv und Anhänger von Petra Karin Kelly, die ich einige Male für unsere Schülerzeitung zur Nachrüstungsdebatte interviewt habe. Als Schülersprecher des Bonner Kreises und Redakteur unseres “Pädanten” mobilisierte ich für die Friedensdemos und organisierte zugleich regelmäßig Podiumsdiskussionen in der Aula des Päda’s mit Bundestagsabgeordneten und sogar einmal dem US-Botschafter und dem Sowjetischen Botschafter. Auch Jungliberalen-Chef Guido Westerwelle, mit dem ich befreundet war, kam als Jungpolitiker ab und zu zu uns. Da ich immer mehr Fragen hatte, bemühte ich mich um ein Interview mit dem soeben aus dem Amt geschiedenen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Nach ein paar Monaten für beide Seiten nervigen Wartens…

wieso für beide Seiten?

Na, ich habe halt nicht lockergelassen und etliche Telefonkarten verpulvert, bis ich Schmidt plötzlich selber an der Strippe hatte und die Sekretärin im Hintergrund schluchzte. Nach dem Interview mit Helmut Schmidt hatte ich Blut geleckt und fragte Petra Karin Kelly, der ich es vorspielte, was sie davon hielt. Sie ging förmlich in die Luft und machte mir Kontakte zu Edward Kennedy und anderen kritischen Senatoren in Washington.

Sie waren, wie Sie mir erzählten, mit 17 bereits in den USA als Journalist tätig. Was waren dort Ihre Aufgaben?

Für 1986 war für mich ein Schüleraustausch in den USA geplant, und so konnte ich meine Gastfamilie in Ann Arbor, Michigan, überreden, auf der Fahrt nach North Carolina in Washington einen Zwischenstop einzulegen, während dem ich mir eigentlich Museen ansehen sollte, tatsächlich aber auf Capitol Hill Senatoren befragte. Im Café im Old Post Office traf ich die Journalistin und Schriftstellerin Suzie Gookin, die auch für diverse Sender und die Washington Post arbeitete. Wir unterhielten uns angeregt und sie meinte, ich sollte richtiger Reporter werden und nicht nur für die Schülerzeitung schreiben. Ich wurde von einer Produktionsfirma engagiert, Independent Broadcast News, die auch für NBC Nachrichten-Clips lieferte. Ich sollte aus Bonn berichten, wo NBC selber keinen Korrespondenten hatte. Der saß nämlich in Frankfurt am Main, vermutlich weil Amerikaner wissen, dass die Macht eher an solchen Orten zu finden ist. Ab September 1986 war ich dann in Bonn akkreditiert und machte mich auf, Bundeskanzler Kohl zu interviewen. Es geriet zu einer Art Slapstick, hatte ich doch zuvor den Graf mit seinen versunkenen Schätzen (Anm. d. Redaktion: Otto Graf Lambsdorff, F.D.P., wegen Steuerhinterziehung und Verstoß gegen das Parteispendengesetz verurteilter Bundeswirtschaftsminister) zum Zustand der Koalition befragt und erhielt von Kohl die ungehaltene Antwort “Sie sehen doch, wie wir friedlich miteinander untergehen!” Das ZDF hatte es mitgeschnitten und sogar abends gesendet, was zu einem Anruf aus dem Kanzleramt bei dem Kollegen führte. Mir wurde klar, dass man sich als Journalist bei Kohl besser beliebt machte. Als “Benjamin” im Pressecorps waren alle nett zu mir, sogar der dicke Bundeskanzler, besonders aber Bundespräsident von Weizsäcker und Arbeitsminister Norbert Blüm. Herr von Weizsäcker schrieb mir sogar mal eine Entschuldigung für den Schulunterricht, den ich schwänzen musste, weil er einen Staatsbesuch hatte.

Wie standen Sie zu Kohl, er war ja nun nicht gerade ein Linker?

Nein, natürlich nicht. Als Kanzler in der BRD war ja gerade mal Brandt fortschrittlich und kein Reaktionär. Kohl sah ich pragmatisch. Er setzte das Programm der Industrie um. Ich versuchte ihn auf ironische Weise herauszufordern, und ich bin mir nie ganz sicher gewesen, ob er mich nicht vielleicht doch verstanden hatte und zurückverarschte. Komischerweise gehörte ich bald zur Runde bevorzugter Journalisten, die montags früh zusammengerufen wurden, um aus des Kanzler’s Mund ein paar Hintergrundinformationen zu erhalten. Es ging recht vertrauensselig zu. Einmal sagte Kohl, dass er nach Italien fliegen müsse, weil die CDU der Democracia Cristiana 2 Millionen Mark geliehen habe, diese sie aber nicht zurückzahle. Als Kohl dann abends wieder da war, stellte er ein paar Flaschen Pfälzer Wein auf den Tisch und sagte zu uns “Was ich heute erlebt habe, das glaubt Ihr nicht!”. Kurz: Andreotti hatte Kohl mit militärischen Ehren empfangen und jedesmal, wenn Kohl dachte, er könne das Thema anschneiden, ihm gesagt, „Dottore Kohl, nicht jetzt, nicht hier.“ Jedenfalls wurden Kohl Museen, Kirchen und Kinderchor geboten, bis er abends wieder zum Flughafen gebracht wurde und unverrichteter Dinge zu uns zurückflog. So wie er es erzählte, merkte ich, daß dieser große, oft grimmige Mann doch Humor hatte. Ich rief seitdem immer in Anlehnung an den Club der toten Dichter “Oh Kanzler, mein Kanzler!”, wenn ich ihn sah, und er fasste sich dann an die Krawatte und pfälzerte: “Meinen Sie etwa mich?!”.

Kohl ließ auch für uns Journalisten abends öfters auffahren, rief manchmal Lutz Ackermann, seinem Adjutanten seit Mainzer Tagen, scherzhaft zu “Und was essen wir jetzt?”, was dieser stets konterte mit “Carbonara” – was ihm den Spitznamen “Carbonara” beim Kanzler und auch uns eintrug. Ich fragte einmal frech wie Bolle “Kanzler, oh mein Kanzler, denken Sie eigentlich an Deutschland in der Nacht, wenn Sie zum Kühlschrank gehen?”, was Kohl mit einem breiten Grinsen quittierte. Oder bei den Koalitionsverhandlungen 1987 im Januar, als es bitterkalt war und wir draußen vor dem Kanzleramt standen, Kohl uns von der Bundeswehr ein Zelt aufbauen und Gulaschsuppe ausschenken ließ und einmal zu uns herauskam und sich entschuldigte, dass es noch länger dauern würde. Ich fragte ihn, ob er uns nicht schon etwas sagen könne. Er daraufhin: “Es wird natürlich noch viel diskutiert, aber dann wird das so gemacht, wie ich sage.” Er blickte in unsere verfrorenen Gesichter und meinte dann “Ihr könnt ja schon mal zu Karlchen gehen, ich komme dann nach, wenn wir fertig sind”. Mit Karlchen war Karlchen Rosenzweig gemeint, der Wirt des Presseclubs. “Aber ohne Geld, mein Kanzler…”, warf ich ein, worauf er tief in seine schwarze Tasche griff und mir 100 DM gab. Das hätte er mit keinem älteren Kollegen gemacht, aber ich genoss quasi Narrenfreiheit.

Sie haben bei den Recherchen zur Iran/Contra-Affäre mitgearbeitet. Welche Folgen hatte das für Sie?

Das ist ein komplexes Thema. Ich war im April 1986 als Reporter nach Nicaragua geschickt worden, wohl weil ich aufgrund meines Alters und der Tatsache, dass ich einen deutschen Pass hatte, unverdächtig war, und interviewte Daniel Ortega. Zugleich fand der von den USA finanzierte Aufstand der „Contra“ statt. Ich versuchte herauszufinden, woher die Waffen stammten, und hatte schließlich Kontakt zu Contra-Anführern. Diese prahlten vor mir – den sie ja aufgrund der Tatsache, dass ich für einen US-Sender arbeitete, für unverdächtig hielten -, daß sie schon vor der Wahl von Reagan durch Bush und sein Netzwerk Waffen geliefert bekommen hatten und auch finanziell unterstützt wurden. Zurück in New York berichtete ich meinem Kollegen Danny Casolaro davon, und das brachte den Stein ins Rollen, da man unbedingt Reagan mit einem Impeachment loswerden wollte. Ich war dann plötzlich einer der Kronzeugen, hatte heftige Auseinandersetzungen mit Bush und das erste Mal in meinem Leben richtige Todesangst. Letztlich wurde aber Lieutenant Oliver North überredet, die Alleinschuld auf sich zu nehmen und Admiral Poindexter und Verteidigungsminister Weinberger freizusprechen. Ich musste dann nicht mehr aussagen.

Fortan war mir nicht mehr ganz geheuer. Ich tat zwar weiter meine Arbeit in Bonn, hielt mich aber insbesondere an meinen Kollegen und fast väterlichen Freund James Markham von der New York Times. Der Honecker-Besuch im September 1987 brachte mich in Kontakt mit Kollegen aus der DDR, und ich bemerkte, dass wohl etwas in Bewegung zu kommen schien. Dann kam plötzlich mit der Barschel-Affäre eine Zeit, wo uns das Lachen verging. Ich sollte wieder für NBC Berichte machen, über die „Waterkantgate“, und sprach mehrfach mit Barschel. Durch die Iran-Contra-Affäre sensibilisiert, recherchierte ich in eine andere Richtung als die meisten deutschen Kollegen und hatte plötzlich eine völlig andere Blickrichtung und entsprechende Hinweise, die ich Herrn Barschel dann auch mitteilte. Wir verabredeten uns in Genf, aber zu dem Treffen kam es dann nicht mehr, weil wir uns aufgrund der Fehlinformation des ominösen Robert Rohloff verfehlten. Wir hatten ja noch keine Handys – sonst wäre er vermutlich nicht ermordet worden. Meine Aussagen wurden allesamt bei den schweizerischen Behörden verschlampt und die deutschen Ermittlungen verliefen im Sande. Manche Berichte vermuteten lange Zeit, dass ich Rohloff gewesen sei, doch hierbei handelte es sich um einen CIA Agenten Namens Alvaro Jose Baldizon, der plötzlich – ebenfalls kurz vor einem Treffen mit mir – in Los Angeles verstarb.

Warum sind Sie in die DDR ausgewandert? Es hieß ja im Westen immer „Geh doch nach drüben“. Was war Ihr Grund – und wie haben Sie sich als Wessi im Osten gefühlt?

Im Dezember 1988 hatte ich Informationen auf NTSC-Cassetten zugespielt bekommen, die den Bau einer Chemiewaffenfabrik in Rabta, Lybien, durch die deutsche Firma Hippenstiehl-Imhausen und das Wissen darum seitens Kohl und anderen westdeutschen Regierungsmitgliedern beweisen konnten. Ich hatte diese NTSC-Cassetten am Tag des Absturzes der Pan Am über Lockerbie nach New York geschmuggelt und lange Zeit geglaubt, dass das Flugzeug wegen meiner etwas dilettantischen Aktion gesprengt worden war, denn ich hatte zunächst vorgetäuscht, die Pan Am- Maschine für den Transport auszuwählen, aber dann in letzter Sekunde die TWA genommen. Seit 8 Jahren weiß ich, dass es nichts damit zu tun hatte. Lange verfolgten mich furchtbare Alpträume.

Am 31.12.1988 wurden meine Kollegen James Markham, Julian Sanchez und Danny Casolaro, mit denen ich bereits in der Iran – Contra – Affäre zusammengearbeitet hatte und ich ins Weiße Haus gerufen und von Bush informiert, dass unsere Informationen sehr ernst genommen würden und wir aus Gründen der nationalen Sicherheit etc. nicht veröffentlichen sollten, bevor die US-Regierung ihre Verbündeten informiert hätte. Bush ließ noch am Nachmittag des Tages jedem von uns einen Umschlag in unsere Fächer im Pressebüro des Weißen Hauses legen. Ich habe meinen zunächst nicht geöffnet, auch weil Bush bedeutungsschwanger zu mir gesagt hatte, dass ich erst mal nicht nach Deutschland zurückkehren sollte. Ich antwortete, dass ich noch dort studieren wollte. Bush sagte, in den USA gäbe es auch gute Universitäten. Wenige Tage später wurde Libyen bombardiert und ich flog nach Frankfurt zurück. Zurück in Bonn wurde ich spätabends von „Carbonara“ ins Kanzleramt gerufen. Kohl und Genscher wuschen mir den Kopf und warfen mir Landesverrat vor.

Einen Monat später, am 4.2.1989, starb unser Kollege Julian Sanchez auf dieselbe Weise wie Uwe Barschel in Paris. Am 9. August 1989 wurde dann die Leiche von James Markham in Paris gefunden. Kopfwunde, Jagdgewehr, schrieb die New York Times. Mich packte die nackte Angst, und nach einem Gespräch mit Björn Engholm, der mir sagte, dass er als Ministerpräsident von Schleswig Holstein kaum eine langfristige Möglichkeit habe, für meinen Schutz zu sorgen, beschloss ich in die DDR zu übersiedeln, in der Hoffnung, dass mir dort nichts passieren würde. Außerdem war mir seit 1987 klar, dass es dort zu großen Veränderungen kommen würde, und da ich an demokratische Formen des Sozialismus glaubte und bis heute glaube, hatte ich darin eine Perspektive gefunden. Mein Freund und Kollege Danny Casolaro wurde fast auf den Tag genau zwei Jahre später, am 10. August 1991, tot in einer Badewanne des Sheraton Hotels in Martinsburg, West Virginia, gefunden. Meine Angst war sicher real, und so floh ich zunächst in die UdSSR, die allerdings wenig später ebenfalls zusammenbrach. Seit 1993 lebte ich dann sehr zurückgezogen in Irland.

Die meisten Menschen in Deutschland kennen Sie, ohne zu wissen, dass Sie es waren. Sie hatten eine besondere Rolle bei der Öffnung der Mauer. Können Sie davon kurz erzählen?

Nach dem 9. Oktober 1989, an dem wohl alle gemerkt hatten, dass das System ins Rutschen kommt, war es eine Frage der Zeit, bis man auf eine weitere Zuspitzung zusteuerte. Der 9. November nahte. Morgens hatte Egon Krenz mir noch gesagt, dass die Tschechoslowakei sich bitter beklage, dass die Flüchtlingsströme nicht abrissen. Er habe daher einigen Beamten die Anweisung gegeben, ein Reisegesetz auszuarbeiten. Nachmittags war dies fertig und wurde im Umlaufverfahren als Entwurf des Ministerrates verabschiedet, hatte dadurch aber noch keinerlei Rechtskraft erlangt. Zudem ließ Krenz eine Erklärung für den 10. November vorbereiten.

Die Bestrebungen der SED – Führung unter Egon Krenz waren, die Grenzöffnung nicht auf dieses Datum, den 9. November, fallen zu lassen, ganz bewusst auch wegen der historischen Relevanz. Noch vormittags hatte Krenz gesagt, dass die neue Reiseregelung frühestens am 10. November bekanntgegeben werden solle. Die Pressemitteilung für ADN trug auch die Sperrfrist 4 Uhr Früh, 10.11.1989.

Gegen 18 Uhr traf ich dann im Internationalen Presse Zentrum in der Mohrenstraße 38 ein. Es war erst die zweite Pressekonferenz, die das ZK der SED abhalten ließ, und Günter Schabowski war als ehemaliger Chefredakteur des Neuen Deutschland sicherlich qualifiziert, sah sich aber auch sogleich von DDR-Journalisten mit der Kritik konfrontiert, wieder einen Personenkult zu inszenieren. Egon Krenz spielte in der öffentlichen Wahrnehmung jener Tage jedenfalls eine kleinere Rolle als Schabowski.

Ebenfalls auf dem Podium neben Schabowski waren die Mitglieder des ZK der SED, die Gewerkschaftsfunktionärin Helga Labs, Außenhandelsminister Gerhard Beil, mit dem ich ebenfalls bereits über Gegenmaßnahmen zu Lysakus gesprochen hatte und der von Plan Saigon wußte. Auch Manfred Banaschak, Chefredakteur einer Parteizeitung, war anwesend. Die insgesamt unprofessionell abgehaltene Pressekonferenz plätscherte so dahin, ohne irgendwelche besonders interessante Aspekte.

Lustig war höchstens, wie BILD-Korrespondent Peter Brinkmann Schabowski reizte “die Pressefreiheit für die DDR zu verkünden”, was mit Gelächter quittiert wurde, als Schabowski auf die doch völlig von der SED unabhängige DDR – Presse verwies. Dann, kurz vor Ende der einstündigen Live-Übertragung übergeht Schabowski den BBC-Kollegen Daniel Johnson und nimmt einfach Riccardo Ehrman von der italienischen ANSA dran.

Dieser stellt unbeholfen die Frage, ob die angekündigte Reiseregelung ein Fehler sei. Schabowski liest von dem Beschlussentwurf des Ministerrates ab: “Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP – der Volkspolizeikreisämter – in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen …”

Dann folgen Nachfragen, Peter Brinkmann ruft etwas, andere auch, und dann im Durcheinander bei Minute 1:02:34 von mir an der rechten Seite die Frage “Wann tritt das in Kraft?”. Ungläubig folgte ich dem Hin und Her, wusste ich ja, dass Krenz nicht vor dem 10. November die Erklärung abgeben wollte. Daraufhin antwortete Schabowski “…das tritt nach meiner Kenntnis….ist das sofort, unverzüglich….”.

Außenhandelsminister Gerhard Beil – im Gegensatz zu Schabowski Regierungsvertreter – hingegen beugt sich zu Schabowski und sagt leise, aber bestimmt: “Das muss der Ministerrat beschließen.” Im Saal hörten wir die Worte nicht, aber sie sind aufgezeichnet worden. Nichtsdestotrotz bleibt Schabowski dabei und klingt im Folgenden nicht mehr verwirrt, sondern vielmehr absolut sicher. Lediglich auf die Frage von Daniel Johnson “Herr Schabowski, was wird jetzt mit der Berliner Mauer geschehen?” hat Schabowski keine klare Antwort.

Es ist klar, daß die Frage von Riccardo Ehrman letztlich dazu geführt hat, dass die Mauer in dieser Nacht fiel, aber war sie wirklich so zufällig und spontan zustandegekommen? Jahre später, im MDR gab Ehrman zu, dass er einen Tippgeber gehabt habe. Er habe kurz vor der Pressekonferenz mit Günter Pötschke – dem Chef von ADN, der auch schon für die UNESCO gearbeitet hatte und durch seine Funktion als Präsident der Europäischen Nachrichtenagenturen natürlich über zahlreiche und langjährige Westkontakte verfügte – telefoniert.

Ehrman, der später angibt, mit Pötschke befreundet gewesen zu sein, sagte im MDR: “Diese Person sagte: ‚Ich bin der Mann von dem Unterseeboot. Es gibt in Berlin einen Platz, ein Büro, das unter dem See liegt. Es ist bekannt als Unterseeboot. Und diese Person ist in diesem Büro der Chef.‘” Der Raum, von dem Ehrman spricht, ist der abhörsichere Tagungsraum unter einem Teich im ADN Gebäude in der Mollstraße. War es also doch eine abgekartete Sache und Schabowski nicht so ahnungslos, wie er tat? Ein Vollprofi, wie er, weltgewandt, Chefredakteur des ND, der englischen Sprache mächtig, kamerasicher, soll so auf das Glatteis geraten sein? Schwer zu glauben. Auch sein Verhalten nach dem Ende der DDR spricht Bände. Als bester aller “Wendehälse” schüttete er einen Ascheimer nach dem anderen über sein Haupt, während Egon Krenz sich mit einer Haftstrafe herumärgern mußte.

Mir waren diese Zusammenhänge lange nicht aufgefallen, auch weil ich die vollständigen Archivmaterialien über 25 Jahre nicht mehr angesehen habe.

Ohne den Schabowski-Putsch wäre Krenz der Held geworden und der 9.11. nicht als historisches Datum in der deutschen Geschichte neu-definiert worden.

Putschartig wurde der SED-Führung das Heft des Handelns durch die eigenen Leute aus der Hand geschlagen und als “Abfallprodukt” auch noch nebenbei die für die deutsche Oberschicht peinlichen anderen geschichtlichen Bezüge entsorgt.

Während der Umsturz in der DDR vermutlich kein klassischer Staatsstreich war, haben Sie einen versuchten Staatsstreich in Venezuela live miterlebt. Was ist da passiert?

Nun, ich hatte mit meinem irischen Kamerateam einen Film über das neue Venezuela gedreht und interviewte am 11. April 2002 zum zweiten Mal Präsident Hugo Rafael Chávez Frías, den wir auch 3 Wochen lang begleitet hatten. Während des Interviews platzten plötzlich Generäle `rein und beschuldigten den Präsidenten, auf das demonstrierende Volk schießen zu lassen. Dieser stritt das ab. Später wurde rekonstruiert, dass es sich um US-Scharfschützen gehandelt hatte, die damit Verunsicherung schaffen sollten. Stundenlang wurde über den Rücktritt des Präsidenten verhandelt, Fidel Castro rief an und wir hörten, wie dieser riet, nicht zurückzutreten, aber trotzdem sich verhaften zu lassen. Jedenfalls nicht mit der Waffe in der Hand zu sterben wie einst der chilenische Präsident Salvador Allende 1973. Dann kam der Nuntius des Vatikan, Cardinal Velasquez, und sollte vermitteln. Schließlich wurde der Präsident von den Putschisten verhaftet und bat mich, als Zeuge mitzukommen, was ich auch tat – obwohl mir recht mulmig zumute war, da mir schwante, dass man wohl im Fall eines Falles einen internationalen Journalisten nicht stehen lassen würde, damit dieser später die Geschehnisse brühwarm zu erzählen hätte.

Nachdem wir nach Fuerte Tiuna, dem militärischen Hauptquartier in Caracas, gebracht worden waren, flog man uns weiter auf die Insel La Orchila vor der venezolanischen Küste, wo sich eine Militärbasis befand. Wir hatten sehr philosophische Gespräche, unterbrochen immer wieder durch den Cardinal, der noch immer vorgab zu vermitteln, aber eine dubiose Rolle spielte, wie der Vatikan dies ja schon immer tut. Als ein Exekutionskommando gebildet wurde, legten die Soldaten jedoch die Waffen nieder. Dann landete die Fallschirmjägertruppe aus Maracaibo, wo Chávez einst selber gedient hatte, und befreite den Präsidenten. General Banduel stolperte auf uns zu und salutierte. Damit war uns klar, dass der Putsch zusammengebrochen war. Wir wurden in den Morgenstunden des 13. April 2002 zurück in den Palacio de Miraflores geflogen und der Präsident übernahm wieder die Amtsgeschäfte. Putsch-Präsident Piedro Carmona floh nach Miami.

Kommen wir in die Gegenwart. Sie engagieren sich gegen die Corona-Maßnahmen und organisieren derzeit auch eine Art Staatsstreich. Oder verstehe ich da etwas falsch?

Nun, einen Staatsstreich würde ich es nicht nennen, eher die Umsetzung dessen, was uns 1989-90 versprochen worden war, nämlich eine souveräne, gesamtdeutsche Verfassung. Ich hatte damals am 7. Oktober 1989, dem 40. „Geburtstag“ der DDR in Bonn Bad Godesberg den „Deutschlandkongress“ gegründet, um die Bürgerrechtsbewegungen in der DDR auch im Westen zu verankern, denn auch die BRD hielt ich für reformfähig. Ich hatte Kontakt mit dem Neuen Forum, dem Demokratischen Aufbruch, mit Bürgerrechtlern Vera Lengsfeld, Edelbert Richter, Peter-Michael Diestel und vielen anderen, aber zugleich war ich oft mit Egon Krenz, Kulturminister Klaus Höpcke und den Krenz-Vertrauten Hartmut König und Gunter Rettner, die ich seit dem Honecker-Besuch in Bonn 1987 gut kannte, im Gespräch. Ich glaubte an eine Chance beider deutscher Staaten, sich demokratisch reformieren und einander annähern zu können, sodass am Ende eines solchen Prozesses das jeweils Beste aus beiden Systemen zu einem gemeinsamen deutschen Staat verschmolzen werden könnte. Als Ziel hatten wir im Deutschlandkongress uns den Mai 1995 gesetzt, zu dem das Potsdamer Abkommen nach 50 Jahren auslaufen würde. Eine schnelle Vereinigung war nicht unser Ziel. Ich hatte meinen alten Freund Guido Westerwelle in Bonn und Bernhard Mehr, einen Funktionär der Jungen Union, sowie Dieter Schaper, damaligen Juso Vorsitzenden von Bonn, mit an Bord holen können, und so waren wir wirklich überparteilich. Am 11. Februar 1990 war ich in Moskau beim Staatsbesuch von Helmut Kohl dabei und sprach mit ihm sofort, nachdem er bei Gorbatschow aus dem Amtszimmer kam.

Der Kanzler sprach wieder mit Ihnen?

Na ja, er hatte keine Wahl und stöhnte zunächst nur: „Sie schon wieder!“ Dann sagte er aber zu mir den Satz, auf den wir uns im Deutschlandkongress bis heute beziehen: „Wir werden eine neue Verfassung zu schaffen haben.“ Das ZDF sendete es ebenfalls. Später fragte ich Gorbatschow, und der bestätigte ebenfalls, dass Kohl es so gesagt habe.

In einem weiteren Interview mit Gorbatschow nur 12 Tage vor dem Ende der Sowjetunion am Freitag, dem 13. Dezember 1991, bestätigte er zudem, dass die UdSSR dem dann vereinten Deutschland einen Friedensvertrag angeboten habe, die USA, aber auch Kohl dies abgelehnt und auf den Zwei Plus Vier Vertrag verwiesen hätten, wonach Deutschland angeblich vollständig souverän sei. Dass dies nicht stimmt, besagen nicht nur die Fußnoten zum Zwei plus Vier Vertrag, die das NATO-Truppenstatut und damit die Herrschaft der USA festschreiben, sondern auch die Tatsache, dass die NSA sogar Frau Merkels Handy ausgespäht hat, die USA die Drohnenkriege nach wie vor von Ramstein aus führen sowie ganz offen sagen, dass sie weiterhin Menschen aus Deutschland entführen werden – weshalb weder Edward Snowden noch Julian Assange hier sicher wären.

Ich hatte wenige Tag vor der deutschen Niedervereinigung Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher in New York im Beisein von US-Außenminister James Baker gefragt, ob denn nach Vollzug der Einheit Bundeswehr und NATO Truppen auf dem Gebiet der DDR stationiert werden würden, und er antwortete: „Es besteht nicht die Absicht, Bundeswehr und NATO Truppen auf dem Gebiet der dann ehemaligen DDR zu stationieren, und auch nicht darüber hinaus.“ Baker nickte zustimmend. Gorbatschow sagte mir, dass er sehr enttäuscht gewesen sei von diesen Wortbrüchen.

Sie sehen also, wie wichtig es wäre, einen Friedensvertrag zu haben, damit endlich Klarheit herrscht und Abrüstung stattfinden und Vertrauen zwischen Russland und dem Westen gebildet werden könnte. Die gegenwärtige Kapitalismuskrise, die durch eine Pandemie-Inszenierung vertuscht wird, bietet die Gelegenheit, heute endlich, 30 Jahre später, die deutsche Verfassung und damit die Souveränität und einen echten Friedensvertrag, vor allem mit der Russischen Föderation, mehrheitsfähig zu machen. Deshalb hatte ich meinen Aufruf als Vorsitzender des Deutschlandkongresses von 1989 zur Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung am 29. 8. 2020 in Berlin in meiner Rede wiederholt. Es gab damals stürmischen Beifall von hunderttausenden Menschen, die zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor versammelt waren. Während Frau Merkel und ihr Kabinett unter dem Beifall aller Fraktionen, auch der so genannten Linken, im Bundestag das Grundgesetz de facto abschafft und sich somit zur Reichsbürgerin macht, müssen wir nun unser Schicksal selber in die Hand nehmen und die Verfassung aushandeln. Jede(r) kann sich anmelden, verifizieren lassen und dann Vorschläge einreichen und mit abstimmen. Das Tool ist über poovi.deutschlandkongress.de erreichbar und absolut sicher. Gemeinsam sind wir stark und werden die friedliche Revolution, keinen Staatsstreich, bewerkstelligen, wie in Artikel 146 von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes vorgesehen.

Zum Abschluss: Haben Sie eigentlich keine Angst vor dem Tod?

Vor der Geburt hatte ich jedenfalls mehr Angst.

Danke für Ihr Engagement für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit!

https://deutschlandkongress.poovi.de/anmelden?fullPath=%2Ffragen&routeName=QuestionsIndex

Referenzen

https://www.dieostschweiz.ch/artikel/30-jahre-nach-dem-mauerfall-ein-insider-erinnert-sich-zzK9WN3

https://www.saarbruecker-zeitung.de/nachrichten/politik/topthemen/der-dritte-mann_aid-1368401

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498811.html

http://www.ralph-niemeyer-fuer-ein-rotes-land.de/files/downloads/Mit_dreizehn_schon_den_Kanzler_interviewt_Ralph_T.pdf

https://en.wikipedia.org/wiki/Danny_Casolaro

Beitragsbild Factor CH (2003) © Ralph T. Niemeyer

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Andrea Drescher, Jahrgang 1961, lebt seit Jahren in Oberösterreich. Sie ist Unternehmensberaterin, Informatikerin, Selbstversorgerin, Friedensaktivistin, Schreiberling und Übersetzerin für alternative Medienprojekte sowie seit ihrer Jugend überzeugte Antifaschistin. Zuletzt erschien von ihr „Wir sind Frieden“ sowie das "Selbstversorgerbuch für die Küche von Oma & Co"

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