#AlarmstufeRot am 09.09.2020 in Berlin

Am 09.09.2020, in der ersten Sitzungswoche des Bundestages nach seiner Sommerpause, riefen zahlreiche Verbände und Zusammenschlüsse der Veranstaltungswirtschaft zu einer Großdemonstration in Berlin auf. Motto: „Alarmstufe Rot“, denn die Branche und mit ihr unzählige Beschäftigte stehen vor dem endgültigen Aus! Und da auch 6 Monate nach Beginn des „Corona- Zeitalters“ noch keine nennenswerte Unterstützung für die Kultur- und Kreativbranche und für Millionen Freiberufler u.a. auf den Weg gebracht wurde, war diese Demonstration so nötig wie wichtig – und ich war mit einigen Freunden von „Stumme Künstler“ dabei!

Treffpunkt war der Platz um den Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus. Ein beeindruckend großes und in rot getauchtes Menschenmeer sammelte sich dort, darunter zahlreiche prominente Gesichter wie The BossHoss, Die Ärzte, Bodo Wartke, Corvus Corax uvm. Man versorgte sich – wo nötig – noch mit roten Shirts, Masken, Beuteln, zeigte Präsenz und wartete geduldig auf den Beginn um 12.05 Uhr (denn es ist längst nicht mehr „fünf vor zwölf“, sondern eben schon „fünf nach zwölf“). Die Angaben zur Teilnehmeranzahl schwanken zwischen 6500 (Polizei) und bis zu 15000 (Veranstalter und einige Beobachter), als aktiver Teilnehmer würde ich aber klar zu letzterer tendieren. Ein befreundeter Kabarettist, HG Butzko, hatte sich am Beginn der Demonstrationsstrecke am Straßenrand aufgestellt und nach ca. 45 Minuten überschlagen, daß er von ca. 10000 Menschen passiert wurde – zu diesem Zeitpunkt war aber der Alexanderplatz noch immer voller Teilnehmer…

In jedem Fall war es eine unübersehbare und nicht länger zu ignorierende Zahl, die da in Berlin ausdrücklich nicht gegen die Regierungsmaßnahmen, sondern für zielgerichtete Unterstützungsmaßnahmen auf die Straße ging. Mag man von den Regelungen halten, was man will, aber wenn man seriös auftreten und gehört werden möchte, ist genau das der richtige Weg.

Die Demonstrationsstrecke führte vom Alexanderplatz über die Straße Unter den Linden, am Plenarsaalgebäude des Deutschen Bundestags vorbei (hier wurden symbolisch die „letzten Hemden“ niedergelegt) bis hin zum Brandenburger Tor, und alle Presseberichte lobten die vorbildliche Organisation und das Einhalten sämtlicher corona-bedingten Regelungen. Was nicht verwundern sollte, denn wenn die Veranstaltungswirtschaft etwas wirklich gut kann, dann das Organisieren von Großveranstaltungen! Insofern war das schon ein großer Erfolg, auch wenn ich persönlich mir noch viel mehr Teilnehmer gewünscht hätte bei einer Branche mit mehr als 1 Million Beschäftigter. Immerhin: es war endlich ein Zusammenschluß unzähliger Branchenverbände, die bislang eher als Einzelkämpfer aufgetreten waren.

Auf der zentralen Kundgebung am Brandenburger Tor zeigten diese Verbände dann massive Präsenz. Zahlreiche Vertreter fanden auf der Bühne zusammen und beschrieben nicht nur in eindringlicher Art und Weise die extrem bedrohliche Situation, sondern appellierten auch zum wiederholten Male und geschlossen an die Politik, doch endlich diese bislang vergessene, aber nicht zuletzt auch wirtschaftlich so bedeutende Branche zu unterstützen.

Bevor jedoch die Stimmen aus der Politik selbst zu Wort kamen, trat als „Überraschungs-Redner“ Herbert Grönemeyer ans Mikrophon. Seine Rede ist in ihrer Gänze absolut hörenswert, er schaffte es in seiner unnachahmlichen Art, die richtigen Worte zu finden: „Wir alle zusammen sind die rauschende Seele, wir sind der öffentliche Herzschlag dieser Nation!“ Deutschland stelle „seinen Zauber aufs Spiel und seine Zauberer zur Disposition.“ Ein sich selbst immer wieder als Kulturnation feiernder Staat läßt in einer seiner schwersten Krisen der vergangenen Jahrzehnte ausgerechnet diejenigen, die diesen Begriff der Kulturnation mit Leben füllen, am ausgestreckten Arm verhungern. Oder wie ich selbst in meinem Petitionstext schon am 11. März befürchtet hatte: „Die Gesellschaft mag für einige Zeit auf kulturelles Leben verzichten können, aber tut sie es zu lang, könnte am Ende niemand mehr da sein, der es wieder aufleben lassen könnte.“

Auch politische Vertreter kamen im weiteren Verlauf zu Wort. Natürlich war von Kulturstaatsministerin Monika Grütters weit und breit keine Spur (sie zog es vor, an diesem Tag einLiteraturfestival zu eröffnen), auch andere Bundesminister suchte man vergebens. Aber immerhin: außer der AfD waren alle im Bundestag vertretenen Parteien teils prominent vertreten (SPD- Generalsekretär Lars Klingbeil, Linken-Vorsitzender Bernd Riexinger, Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die es sich nicht nehmen lassen konnte, diese Veranstaltung für ein Statement zum Flüchtlingslager Moria zu instrumentalisieren, u.a.) – und alle diese Politiker standen mehr oder weniger übereinstimmend auf der Seite der Demonstranten, äußerten Verstehen und die Einsicht, daß die Hilfe leider wirklich an dieser Branche vorbeigeht und versprachen (was vom übrigens hervorragenden Moderator Aljoscha Höhn sehr konkret gefragt wurde), daß sie sich persönlich für Nachbesserungen engagieren würden. Interessanterweise taten dies selbst Mitglieder der Regierungsparteien – sollten also selbst deren Mitglieder nur schwer einen Draht zu den wahren Entscheidungsträgern aus ihren eigenen Reihen finden?

Daß jedenfalls die Kulturstaatsministerin es nicht für nötig befunden hat, wenigstens dieses Mal persönlich Präsenz zu zeigen, ist aus meiner Sicht ein echtes Armutszeugnis und zeigt einmal mehr, wie weit entfernt Frau Grütters von der Branche ist, deren Interessen sie eigentlich vertreten sollte. Wenn man der Branche aber selbst dann nicht wirklich zuhört, wenn sie in einer solchen Menge und Prominenz fast vor dem eigenen Dienstsitz auftritt, ist es mit dem Verstehen, welches sie wiederholt vorgibt, natürlich umso schwerer. Sie scheute wohl den zu erwartenden und nur allzu verständlichen geballten Unmut der Tausenden…

Am Abend nach der Demonstration wurde vom Bündnis der Veranstalter eine Deklaration mit den konkreten Forderungen an zahlreiche Politiker übergeben. Und erstaunlicherweise wurde so, nach 6 Monaten, doch endlich wenigstens erreicht, was bislang nicht möglich war: ein Dialog kam in Gang! Es sieht zunächst nach einem wirklich kleinen, ja marginalen Schritt aus, aber vor meinen Erfahrungen des vergangenen halben Jahres kann ich versichern: dies ist ein riesiger Erfolg, für den den Organisatoren von #AlarmstufeRot nicht genug zu danken ist!

Bleibt zu hoffen, daß die anwesenden Politiker ihren Worten auf der Kundgebungsbühne nun auch Taten folgen lassen, sich für wirklich passende Nachbesserungen einsetzen und somit für weitere Erfolge über den begonnenen Dialog hinaus sorgen – es wäre allerhöchste Zeit, nach einem halben Jahr leerer Versprechungen…


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Die Redaktion ist um das Abbilden eines breiten Meinungsspektrums bemüht. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln!

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David Erler (Altus) hat sich als europaweit gefragter Solist und Barockspezialist etabliert. Inspirierend ist für ihn dabei die regelmäßige Zusammenarbeit mit Manfred Cordes, Laurence Cummings, Philippe Herreweghe, Peter Van Heyghen, Jos van Immerseel, Wolfgang Katschner, Ton Koopman, Rudolf Lutz, Hermann Max, Gregor Meyer, Peter Neumann, Hans-Christoph Rademann, Ludger Rémy (†), Gotthold Schwarz, Jos van Veldhoven, Adam Viktora, Roland Wilson und weiteren renommierten Dirigenten. Bell’Arte Salzburg, Capella de la Torre, Collegium Marianum Prag, Ensemble Inégal, Gesualdo Consort Amsterdam, Il Gardellino, Lautten Compagney Berlin, Les Muffatti Brüssel, Musica Fiata, Nederlandse Bachvereniging, Weser-Renaissance Bremen und weitere Ensembles gehören zu seinen musikalischen Partnern; aufgrund seiner Stilsicherheit und Ensembleerfahrung laden ihn zudem renommierte Vokalensembles wie amarcord, Calmus Ensemble, Singer Pur, Singphoniker und Stimmwerck wiederholt als Gast für Konzerte und CD-Produktionen ein. Neben einer intensiven Beschäftigung mit der Vokalpolyphonie der Renaissance sowie regelmäßigen Projekten mit italienischem und besonders gern englischem Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts bildet die Musik des barocken Deutschlands sein Hauptbetätigungsfeld.
Unter den mittlerweile mehr als 80 CD-Veröffentlichungen sind besonders die Mitwirkung an der Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung unter Hans-Christoph Rademann sowie die von ihm selbst mitinitiierte Gesamteinspielung des Vokalwerkes von Johann Kuhnau unter der Leitung von Gregor Meyer beim Label cpo hervorzuheben.
Er gastiert bei Festivals in Ansbach, Brügge, Halle/S., Leipzig, Göttingen, Klagenfurt, Passau, Stuttgart, Wien, im Erzgebirge und im Rheingau.

Neben seiner Arbeit als Sänger ist David Erler zudem als Editor und Lektor tätig. Er ist Herausgeber der Kantaten von Johann Kuhnau beim Verlag Breitkopf & Härtel: in den nächsten Jahren werden sämtliche erhaltenen Vokalwerke des Komponisten, überwiegend in Erstausgabe, vorgelegt. Jüngst erschien seine Neuedition des „Requiem“ (ZWV 46) von Jan Dismas Zelenka, weitere Arbeiten auf diesem Gebiet sind in Vorbereitung.

David Erler stammt aus dem sächsischen Vogtland und studierte Gesang an der Leipziger Musikhochschule, zunächst bei Maria Jonas, dann maßgeblich bei Marek Rzepka. Er wurde dabei als Stipendiat von der Hanns-Seidel-Stiftung München gefördert. Seinem Diplom folgte ein Musiktheoriestudium, weitere sängerische Anregungen erhielt er in Meisterkursen bei Andreas Scholl, Marius van Altena und The King’s Singers.

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