Wie schrecklich es sich anfühlt “falsch” zu sein

Ich möchte gerne in diesem Artikel meine persönliche Erfahrung über das Thema “Zusätzliches Einkommen als professionelle/r Musiker*in” teilen und dazu ermutigen, abseits des konventionellen Musikerweges nach neuen Verdienstmöglichkeiten zu schauen.

Viele meiner Freunde und Bekannte wissen, dass ich nach dem Gesangsstudium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler” Berlin im Künstler- und Konzertmanagement anfing zu arbeiten, da ich nicht ausschließlich von meiner Kunst leben konnte. Nach außen hin wurde ich oft dafür bewundert, auf die andere Seite gegangen zu sein. Aber um ehrlich zu sein: Es war furchtbar. Nicht, weil die Jobs nicht gut waren, sondern weil ich mich unfassbar dafür geschämt habe, als Sängerin und Musikerin versagt zu haben. Ich dachte wirklich, ich bin falsch, weil ich es nicht geschafft hatte, mir nach dem Studium eine solide Karriere aufzubauen und gezwungen war, mich beruflich umzuorientieren. Und das mit 27 Jahren nach 8 Jahren Studium mit zwei verschiedenen Studiengängen. Dieses Gefühl von “falsch sein” hat mich sehr lange begleitet und ich habe mich oft gefragt wieso. Nach außen hatte ich gute Jobs und konnte zufrieden sein, mit dem was ich erreicht hatte. Dennoch habe ich mich tief in mir geschämt. Ich habe mich dafür geschämt, dass ich diese Jobs machen “musste”. Dass ich meine Leidenschaft aufgegeben hatte und dass ich versagt hatte. Weil ich nicht mit dem Singen mein Geld verdienen konnte. Ich war sehr hart zu mir und habe mich selber dafür verurteilt, es nicht “geschafft” zu haben. Es fühlte sich falsch an auf die Frage “Und was machen Sie beruflich” – mit “Ich arbeite als Assistant Artist Manager bzw. Konzertmanagerin” zu antworten. Weil ich nicht mit mir und meinem Weg im Reinen war. 

Aber die gute Nachricht ist: Ich habe es geschafft das umzudrehen und positiv zu sehen und meinen Weg der letzten Jahre endlich zu verstehen. Dieser riesige Erfahrungsschatz ist von unvorstellbarem Wert und beeinflusst mein Sängerinnen Dasein im absolut positiven Sinne. Vorsingen waren plötzlich viel erfolgreicher, weil ich meine Leistung deutlich besser als früher abrufen konnte (ich war immer furchtbar nervös) und ich viel mehr im Vertrauen war über mein Talent und mein Können. Vor allem aber habe ich keinen Druck mehr verspürt, weil ich finanziell nicht darauf angewiesen war. Das macht einen enormen Unterschied! Und genau da lag für mich der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben. 

“Wann? Wenn nicht jetzt!” – Wie ich es geschafft habe, aus der Scham in die Erfüllung zu kommen.

Während meiner Zeit als Konzertmanagerin bei einem bekannten Knabenchor traf ich einen ganz wunderbaren ehemaligen Gesangsprofessor, der mir ordentlich in den Hintern getreten hat und im positiven Sinne Schuld daran ist, dass ich wieder für mich losgegangen bin und beruflich singe. Plötzlich fing alles an Sinn zu machen: Ich bewegte mich im Gegensatz zu früher scheinbar mühelos, wenn es um das Thema ging, mich selber zu vermarkten und mich wieder sichtbar mit meiner Kunst zu machen. Mich kannte zu diesem Zeitpunkt niemand in München, da ich gerade erst hierher gezogen war. Wenn du freischaffend tätig bist, dann weißt du wie schwer es ist, sich als Musiker von Null an etwas aufzubauen. 

Zuerst musste ich herausfinden, wo ich mich als Sängerin verloren hatte und was mich ganz persönlich ausmacht. Das war ein unglaublich wichtiger und lohnender Prozess. Ich habe mich dazu entschieden nur noch im Konzertfach tätig zu sein, da mein Herz immer schon dafür geschlagen hat Passionen und Oratorien zu singen. Diese Entscheidung hat mir einen klaren Weg vorgezeigt, und ich habe angefangen alte Kontakte zu Kantoren wieder aufleben zu lassen.  Allein dadurch bekam ich innerhalb kürzester Zeit zwei tolle Konzerte als Solistin in meiner Heimat Hannover. Das bestärkte mich unheimlich in meinem Weg das Richtige zu tun und ich fing an, mich in München umzuhören und ehemalige Kommilitonen und Bekannte nach Vorsingmöglichkeiten zu fragen. Das war Gold wert. Plötzlich ging es rasend schnell und ich begann das große Bild zu sehen. Ich war eine ganz neue Künstlerpersönlichkeit geworden mit einem starken Mindset und ich dachte dauernd: “Wann? Wenn nicht Jetzt!” 

Durch die Jobs auf der anderen Seite der Bühne fühlte ich mich gut dabei, mich neuen Kantoren und Konzertveranstaltern vorzustellen. Ich fing sogar an, richtig Spaß dabei zu haben. Früher habe ich bei einem Vorsingen immer gedacht, dass ich nicht genüge und prompt habe ich das Vorsingen natürlich nicht bestanden. Mir wurde schnell klar weshalb es plötzlich so gut lief und ich tatsächlich Gefallen an den Vorsingen fand:

  • Ich war finanziell unabhängig und spürte keinen Druck mehr
  • Ich war selbstsicherer geworden durch meinen Erfahrungsschatz in meinen Jobs im Künstler- und Konzertmanagement
  • Ich empfand wieder tiefste Leidenschaft zu singen

Heute bin ich mir sicher, dass die Lockerheit und das “nicht müssen” sondern “aus tiefem Herzen wollen” mich unglaublich darin unterstützt hat, wieder wundervolle Konzerte an Land zu ziehen. Es war unfassbar kraftvoll zu merken, wie nach all den Jahren plötzlich aus “Ich muss Singen um überleben zu können” ein “ Ich darf mein Talent ausleben und meiner Liebe zum Gesang Ausdruck verleihen, wann immer ich es möchte” wurde. 

Was sind die positiven Aspekte, die ein zusätzlicher Job neben der professionellen Ausübung eines Musikerberufes mit sich bringt?

Wenn auch du darüber nachdenkst, dir zusätzlich zur Musik ein zweites Standbein aufzubauen oder sogar ganz aufhören möchtest als professionelle/r Musiker*in zu arbeiten, dann helfen dir die folgenden Gedanken bei deiner Entscheidung:

  • Deine Zufriedenheit erhöht sich enorm durch Selbstbestimmung
  • Du bist nicht mehr von Agenten und Konzertveranstaltern abhängig
  • Du kannst frei wählen, welche Konzerte du wirklich spielen bzw. annehmen möchtest, da im besten Fall keine finanzielle Abhängigkeit gegeben ist
  • Dir fällt es plötzlich viel leichter, “Nein” zu schlecht bezahlten Konzerten zu sagen und du erhältst dir deinen eigenen Wert 
  • Du erlernst praktische Business-Skills, die dir wiederum bei der Selbst-Vermarktung helfen und deinen Wert als Sänger*in oder Instrumentalist*in steigern können
  • Dein Netzwerk erweitert sich enorm, da du in den Austausch mit neuen Personen und eventuell sogar auch aus anderen Branchen kommst
  • Du erschließt dir neue Sichtweisen und lernst andere Lebensentwürfe kennen
  • Ganz wichtig: Du wirst trotzdem als Musiker*in respektiert und steigerst deine Sichtbarkeit als Künstler*in.

Habe ich wirklich versagt, wenn ich nicht ausschließlich auf der großen Bühne stehe? 

Ich kann diese Frage mittlerweile ganz klar mit “Nein” für mich beantworten. Im Gegenteil, ich bin unendlich dankbar für jede einzelne Erfahrung und glaube, dass es heute längst nicht mehr nur darum geht “nur” ein/e gute/r Musiker*in zu sein. Die individuelle Künstlerpersönlichkeit spielt eine größere Rolle denn je und ein Weg um diese ausdrucksvoller zu formen kann sein, sich in einem anderen Bereich neue Verdienstmöglichkeiten zu erschaffen.  Das Eine befruchtet das Andere – versprochen! Die aktuelle Krise zeigt, wie unbeständig der Musikerberuf sein kann und gerade jetzt ist die Zeit darüber nachzudenken, wie du als freischaffende/r Sänger*in oder Instrumentalist*in zukünftig leben möchtest. 

Verdienst du so viel wie du verdienst?

Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Möchtest du wirklich bis zum Rentenalter von einer Kirchenmugge zur nächsten rennen und nicht wissen, wie du deine Miete im nächsten Monat bezahlen sollst? Möchtest du wirklich abhängig davon sein, dass regelmäßig genügend Anfragen reinkommen? 

Für mich persönlich ist es ganz wichtig selbstbestimmt zu leben. Und dazu gehört definitv mir im Idealfall aussuchen zu können, welche Konzerte ich annehme und welche nicht. 

Ein großes Stück Freiheit. 

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